das Interview mit Ustad Abdul Qaium Beset
u.a. über
das Wachsen der Rolle der Frauen und wie sie auf die Bühne kamen
übersetzt von Dr. Mir Hafuzuddin Sadri
Hier
stellen wir eine Zusammenfassung aus einem Interview mit dem heute
77jährigen Gelehrten vor. Mit ihm sprachen eine Mitarbeiterin und
ein Mitarbeiter des Radio Asadi (Radio free Afghanistan) über seine Erinnerungen, über die Geschichte des
Theaters, über die Rolle der Frauen im Theater und über sein
Lebenswerk.
Ustad Abdul Qaium Beset - 60 Jahre Theaterleben
Ustad
(ein Titel, mit dem jemand wegen seiner Höchstleistung
ausgezeichnet wird) Abdul Qaium Beset ist eine der hervorragendsten
Persönlichkeiten des afghanischen Theaters. Der Meister lebt z.Z.
in Mazar e Scharif. Er erzählt anhand seines Werdeganges die
Entwicklung der Schauspielkunst in Afghanistan, die auf die Zeit des
Königs Amanullah Khan (1919-1929) zurückgeht, als der Monarch die
erste Schauspielhaus gegründete hatte. Ustad Beset
bestimmte fast 60 Jahre lang die 80jährige Geschichte des
Theaterlebens in Afghanistan mit.
An den Wiederaufbau des afghanischen Theaters,
das nach der Abdankung des Königs vor 70 Jahren geschlossen wurde,
kann er sich gut erinnern, als er sich als junger Mann im Jahre 1942
in der Schauspielschule einschrieb. Er beschreibt diese Situation
der Gründerjahren:
Die damalige zuständige Behörde im
Ministerium für Kultur gab permanent die Nachricht bekannt, dass in
Afghanistan nun Dramen in Szene gesetzt werden können . Es rief die
Interessierten und Talentierten auf, sich zu melden.
Mein Freund Akbar Nazem, Schüler der
Ghazi-Oberrealschule und ich, Schüler der Esteglal-Oberrealschule ,
schrieben uns im „Pohani Nenndari“ ein, das als Theater und
Hochschule für Schauspielkunst fungierte. Das Theater Pohani
Nenndari befand sich am Malek Azghar Khan –Platz. Es war im Herbst
1942 , als dort weitere junge Leute wie Mohammd Jan, Askar Naqasch,
Kaka Rassul, Abdul Biena und Mohammad Masud
mitwirkten, um das erste Drama zu inszenieren. Als Intendant
des Schauspielhauses arbeitete Abdul Rashied Latifi, der uns
Heranwachsende damals empfing und sein Werk „Testament“
vorstellte. Das war auch das Theaterstück, das erstmals in der
afghanischen Geschichte in Pohane Nenndari uraufgeführt wurde.
Ich übernahm die Rolle eines inkompetenten
Sekretärs. Diese Figur war zudem von sich sehr überzeugt und
wusste alles besser. Das Theaterstück probten wir mit all den
geistigen und materiellen Möglichkeiten und Fähigkeiten, die wir
damals besaßen.
Im Mai 1943 unterzogen wir uns endlich einer Prüfung.
Der große Halama Saldjuqi saß der Prüfung bei und war von der
Aufführung des Werkes sehr begeistert. Der exzellente Kunstkenner wünschte
uns Mut und Erfolg bei der eigentlichen Prüfung, die bald
stattfinden sollte, nämlich die öffentliche Uraufführung. Er
informierte uns von der Zusage des Ministerpräsidenten Haschem
Khan, des Außenministers Nahim Khan sowie des gesamten Kabinetts an
der Premiere des Stücks teilzunehmen. Diese Nachricht versetzte uns
in Aufregung und beinahe Panik, aber sie erweckte bei uns auch
Hoffnung, Wünsche und Erwartungen. Je näher der große Tag kam,
desto größer wurde unser Lampenfieber.
Wir probten mit all unserer Kraft für diesen
Schicksalstag des modernen Theaters in Afghanistan. Es war der
bedeutendste Tag für die Zukunft der Schauspielkunst. Davon hing
die weitere Entwicklung des Theaters ab. So war der 1. Juni 1943
nicht nur für mich mit 17 Jahren ein großer Tag im Leben. Die Aufführung
wurde glücklicherweise unter dem Beifall des Kabinett und des
Ministerpräsidenten ein Erfolg, und das moderne Theater in der Zeit
des Königs Zaher Khan begann.
Frauenstimme, Frauenbild, Frauenrolle und Frauen im
Theater
Wirkten
damals Frauen auch mit und welche Rolle haben die Frauen gespielt?
Als wir mit der Schauspielkunst anfingen, war
eigentlich im Theater keine Frau auf der Bühne. Es waren Stücke,
in denen männliche Figuren vorkamen. Es dauerte ungefähr ein Jahr
bis die Themen der Dramenschreiber zur Neige gingen, in denen nur männliche
Figuren auftraten. Ferner nahm allmählich auch das Interesse der
Besucher an diese männliche Eintönigkeit ab; es war es leid, jeden
Tag lauter Männer auf die Bühne zu sehen.
In einem Werk von Latifi spielte ein Kollege
die Doppelrolle eines Malers und seiner Geliebten. In einer Art
Monolog führte er ein Gespräch mit dem Gemälde, das seine
Geliebte darstellen sollte, das auch die Antworten dieser weiblichen
Figur übernahm. Somit kam zum ersten Mal eine Frau auf die Bühne,
die für spätere Rollenübernahme der Frauen symbolische Bedeutung
hatte.
Unter uns war ein Mitglied der Königsfamilie,
dessen Aussprache besonders schön weiblich klang. Auf meine
Empfehlung übernahm Nazir die Stimme der Geliebte in diesem Stück.
Damit wurde zum ersten Mal eine „Frauenstimme“ auf der Bühne
nachgeahmt, was beinahe ein Tabu brach.
Für Aufregung in der jungen afghanischen
Dramaturgie sorgte in diesem Fall zudem die plötzliche Durchsuchung
der afghanischen Ordnungskräfte, als sie mitten in der Aufführung
die Räume des staatlichen Schauspielhauses durchsuchten. Sie
suchten selbst unter den Tischen und Schränken nach der
vermeintlichen Frau, die auf der Bühne sein sollte. Darüber sprach
der große Saldjuke ernste Worte mit dem Polizeipräsidenten, der
sich bei ihm entschuldigte.
Doch das Gerücht dieser Werbung, „eine Frau
auf die Bühne“, lief durch alle Munde in der afghanischen
Hauptstadt. Das Ereignis war für unsere Sache eine kostenlose
Werbung, sodass die Zahl der Besucher täglich zunahm. Die weibliche
Darstellung war eine Sensation von größter Wichtigkeit auch für
das Überleben des afghanischen modernen Theaters. Denn durch dieses
Ereignis mussten wir wochenlang das Stück vorführen.
Schließlich fragte ich den großen Saldjuki ,
ob wir nicht nur die Stimme einer Frau, sondern auch die Rolle der
Frauen spielen sollten. Schließlich spielten in den Anfangszeiten
des afghanischen Theaters in der Zeit des Königs Amanullah Männer
die Rolle der Frauen. Der große Saldjuki, dessen Verdienste für
das Theater des Landes unvergesslich sind, lächelte und fragte mich
auf seine humorvolle und liebenswerte Art und Weise, wer es denn
wagen möchte, das „Glöcklein um den Hals der Katze zu binden“.
Keiner war bereit, Frauenrollen zu übernehmen.
Zaman Anwari und ich jedoch waren bereit, diese
Rollen zu übernehmen. Saldjuki bedankte sich und ermunterte uns für
das Vorhaben. In zwei Theaterstücken stellten wir die weiblichen
Figuren dar. In dem Werk vom Excellenz Koschan „Treue der
Frauen“ spielte ich die Mutter und Zaman Anwari die Tochter. Für
diese Rolle mussten wir unsere Bärte abrasieren. So vergingen
Jahren und wir arbeiteten am Ausbau und an der Verbreitung des
Theaters. Ich wurde sogar beauftragt, mich mit den Mädchengymnasien
in Verbindung zu setzen, um die ersten Schritte einer Zusammenarbeit
zu besprechen, da die Nachfrage nach weiblichen Rollen groß war.
Denn das Interesse der Zuschauer für Dramen mit weiblicher
Darstellung stieg weiter. Auch Stückeschreiber beschäftigten sich
intensiv mit diesem Konfliktstoff.
Es war wirklich sarkastisch und eine umgekehrte
Welt: in den Mädchengymnasien wie Rabia Balkhi, Zarghona, Malalei
usw. übernahmen die Schülerinnen bei ihrer jährlichen Theateraufführung
die Männerrollen und umgekehrt stellten in ihren Schulaufführungen
die Schüler der Esteglal, Ghazi Oberrealschulen weibliche Figuren
dar.
Kontakte darüber haben wir mit der Direktorin
von „Mosessa“, der Erwachsenenbildungsstätte für Frauen, mit
der mittlerweile verstorbenen Schafiqa geführt. Auf ihre Initiative
hin ist schließlich das Schauspielhaus „Sainab Nenndari“ neben
ihrem Institut reaktiviert, in dem zum ersten Male Schauspielerinnen
auf der Bühne ihre Darstellungskunst darboten. Zu den ersten
Schauspielerinnen gehörten Hamida Askar, Aeqlema Machfi und
Mokadesa Machfi und andere mit Pseudonymen mitwirkenden Frauen..
Seitdem haben Schauspieler wie Rafiq Sadeq,
Negah, und Roschan mit ihren Kolleginnen dem Theater Afghanistan
einen lebendigen Charakter verliehen.
Ende des
Interviews
Allgemeine Bemerkungen
von Dr. Mir Hafizuddin Sadri
Die
höchste literarische Gattung in Afghanistan ist und bleibt die
Lyrik. Es mangelt nicht an Dramenstoffen. Denn allein das in Ghazni
von Ferdaussi e Tussi in Versform verfasste Lebenswerk "Shahnama",
an dem er 30 Jahre lang gearbeitet hat, beinhaltet 50 000 Verse aus
der 5000jährigen Geschichtsmythologie dieses Kulturkreises zahlreiche
Stoffe für Dramen. Obwohl die großen Dichter und Denker auf dem
Boden des heutigen Afghanistan sich mit Lyrik
beschäftigten, kennen die Völker jene Moritaten, die z.B. Sadus
und andere Volksunterhalter gerade aus dieser reichhaltigen
Literaturgeschichte dramatisch erzählen.
Daneben
wurden zu besonderen Anlässen wie Initiation und Hochzeit und
Geburtsfeierlichkeiten die Tänzer und Musiker bestellt, die das
Lyrische dramatisch vorsangen und dies auch noch mit symbolischen
Tänzen körperlich darstellten. Die meisten der Musiker und Tänzer wohnten in Kabuler Altstadt "Kharabat" (Taverne,
Welt, Schenke).
Die
Professionalisierung und Reaktivierung der alten
Darstellungskünsten mit Gesang und Tanz, die in der Zeit der
hinduistischen Kabulschaian von 1. bis 8 bzw. 10. Jahrhundert Gang
und Gebe waren, ist dem Amir Scher Ali Khan im 19. Jahrhundert zu
verdanken, als er einige Musiklehrer Tanzkünsterinnen aus Indien
zur Wiederbelebung der afghanischen klassischen Musik engagierte und in heute vom 24jähigen Krieg völlig ruinierten
Stadtteil Kharabat einquartierte.
Für`s
Lachen und Volksbelustigung sorgten die "Mazkharas"
(Clowns), die mit ihrer Clownerie besonders die Aufmerksamkeit der
Kinder zu sich lenkten. Darüber hinaus gab es in jeder Sippe ein
talentierter Mensch, der durch die Nachahmung der Wirklichkeit, die
Unzulänglichkeiten der Menschen spielerisch verbalisierten.
Die professionellen
afghanischen Theaterfachleute haben sich eher an Lessings bürgerlicher
Dramaturgie wie Liebe, Intrigen und alltägliche menschliche
Konflikte gehalten, obwohl sie traurige Liebesgeschichten wie Laila
und Majnun, Chosrau und Schirin, Seia Mo und Jelani und die in der
Sprache Paschto verfasste Liebesgeschichte Adam Khan und Dorkhanai
in Szene
setzten.
Dramen,
die in den Jahren der "Bildung eines Volkes" entstehen und
als "der Gipfel der Dichtung" bezeichnet wurden, haben in
Afghanistan in ihrer modernen Form eine 80jährige Geschichte, als die
ersten modernen Schulen für Jungen Anfang des zwanzigsten
Jahrhunderts (z.B. Habiba-Oberrealschule1905 Isteqlal und
Amani-Oberealschulen 1924 und Mädchengymnasien wie Malalei und Aman
usw.) gegründet wurden und als die Intellektuellen um Mahmud Tarzi versuchten, eine humanistische Gesellschaft in
Afghanistan aufzubauen halfen.
Die
Abiturienten und Abiturientinnen der Gymnasien führten anlässlich
der Feierlichkeiten ihrer Reiferprüfungen Dramen der europäischen
Großen auf. Z. B. in der 1924 gegründete Amani-Oberrealschule
wurden hauptsächlich Werke der deutschen Klassiker
beispielsweise Lessings Ringparabel, Emilia Galotti, Schillers
Kabale und Liebe, Goethes Faust und Iphigenie, Grillparzers Traum,
Kleistens zerbrochene Krug und Persiflage wie Priamus und Thisbe,
aber auch moderne Stücke aufgeführt.
Im
dem ebenfalls von König Amanullah gegründeten Schauspielhaus mit
integrierter Hochschule für Schauspielkunst sollte helfen,
Voraussetzungen für Theorie und Praxis der Dramen zu schaffen. Auch
sollte es ein Versuch sein, die Bevölkerung nicht nur zu belehren,
sondern auch zu unterhalten, sie an einen bestimmten Ort und zu
bestimmter Zeit ins Theater zu locken, Körper und Seele mittels
Dramen zu erschüttern und zu reinigen, ihre Konflikte in höchster
sprachlicher Form auf der Bühne von Schauspielern darstellen zu
lassen. Dies scheiterte durch die Machtergreifung der intoleranten
Kräfte. So erlitt die junge Schauspielkunst nach dem Sturz von König
Amanullah 1929 eine herbe Niederlage, als Batsche Saqau (Sohn des
Wasserträgers) die Kunst und Kultur als pervertiert
bezeichnete. Diese Katharsis erfuhr die männliche Bevölkerung täglich
fünf Mal, sobald sie sich zu bestimmten Orten und Zeiten in die
Moschen begaben, um die dramatisch und in arabischer Hochsprache
vortragenden Würdenträger zu hören. Obwohl die islamische
Religion den Frauen die Teilnahme in den Moscheen zu Gebetszeiten
nicht untersagt, nahmen sie nur selten diese Chance wahr.
Kaum
haben die Theaterschreiber und Fachleute aus der Darstellungskunst
die Ruhe gehabt, sich ca. 30 Jahre von 1942 bis 1972 schöpferisch zu betätigten und
ein Repertoire von Tragödien und Komödien, Trauerspiel und
Lustspiel für das afghanische Theater aufzubauen und die Jugend in
den Gymnasien die berühmten europäischen Dramen aufzuführen, kam
die Ära der permanenten Putsche, die eine wiederholte Zäsur in der
Theaterentwicklung des Landes verursachten.
Besonders
die Taliban haben ihre Feindseligkeit gegenüber der afghanischen
Kunst und Kultur und damit auch gegenüber dem afghanischen Theater
unter Beweis gestellt, indem sie auch alles darzustellende und
dargestellte tradierte Kulturgut vernichteten und den Frauen verboten, öffentlich
aufzutreten, geschweige denn auf der Bühne zu erscheinen. Doch die
öffentlichen Auftreten der afghanischen Frauen und Männer fanden
im Kabuler Stadion unter der Inszenierung von Taliban statt, als sie
zu der Exekutionen die Masse ihrer Anhängerschaft einluden und
Afghanistan zu einem Trauerschauspielhaus machten.
Dank
der afghanischen Dramaturgen und Schauspielerinnen sind dennoch
einige Kunststücke und Dramen gerettet worden, so auch von Ustad Abdul
Qaium Beset, der nach Mazar e Scharif floh, als die Taliban die
Macht in Kabul ergriff.
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