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Es
war einmal eine kleine Schwalbe. Sie war sehr neugierig. Sie berührte alles mit
ihrem Schnabel. Sie bewunderte die Natur. Auf grünen Wiesen entdeckte sie
verschiedenartige Lebewesen und Pflanzen. Stundenlang schaute sie die bunten
Blumen an. Sie hatte überall Tiere als Freunde. An
einem frühen Morgen flog sie eine kleine Runde über die wilde Natur ihrer
Umgebung. Da sah sie eine Ameise, die versuchte, sich aus dem Wasser des Tümpels
zu retten. Sie befand sich in großer Gefahr, da sie nämlich nicht schwimmen
konnte.
Der
Tannenbaum, der etwa 5 Meter von diesem Tümpel entfernt stand und ebenfalls die
Not der Ameise bemerkt hatte, rief: "Nimm ein Zweiglein von mir und wirf
ihn dort ins Wasser, wo sich die Ameise befindet."
Er
sprach ganz traurig: "Seitdem meine Eltern umgelegt worden sind, ist diese
Stelle sehr gefährlich. Wenn es regnet, ist kein Baum da, um das Wasser zu
schlucken. Deswegen gibt es hier immer eine Überschwemmung. Dadurch verlieren
viele Tiere und Pflanzen ihr Leben. Es entstehen für Ameisen gefährliche
Teiche. Ich möchte gerne helfen, aber ich kann es leider nicht."
Die
kleine Schwalbe pickte ein Nadelzweiglein dieses Tannenbaumes ab und warf ihn
ins Wasser. Die Ameise kletterte darauf. Der frische Morgenwind trieb den Zweig
ans Ufer, so daß die Ameise sich retten konnte. "Vielen Dank, du hast ein
großes Herz", bedankte sie sich. Sie lud die kleine Schwalbe zu sich ein.
Die kleine Schwalbe bewunderte die großen Leistungen der Ameisen, die diese
beim Aufbau ihrer Hügel vollbracht hatten. Sie war sehr erstaunt, als sie
erfuhr, wie die Ameisen arbeiten, wie ihr großer Staat funktioniert und wie sie
der Natur einen großen Dienst erweisen. Sie zeigte ihr auch die Lieblingsspeise
der Schwalben: Insekten. Aber die kleine Schwalbe mochte kein Fleisch essen, so
daß die Insekten, aber auch Regenwürmer keine Angst vor ihr zu haben
brauchten. So entstand eine Freundschaft zwischen der Schwalbe und der Ameise.
Der
Vater der kleinen Schwalbe ärgerte sich über sie; er dachte, daß sie in ihrer
Entwicklung gestört sei, weil sie nicht so war wie die anderen Schwalbenkinder
in ihrem Alter. Die Mutter machte sich über ihre seltsamen Essgewohnheiten
Sorgen. "Das kann nicht normal sein", dachten die Eltern. Anstatt
Regenwürmer und Ameisen zu fressen, pflegte sie Freundschaft mit ihnen und fraß
lieber Mirabellen und Kirschen, obwohl sie keine Erfahrung hatte. Ab und zu
verschluckte sie die Kerne. Es war anstrengend und mühsam, die Kerne vom
Fruchtfleisch zu trennen. Der kleine Schnabel konnte die großen Kirschen und
Mirabellen oft nicht halten. Schon manche saftige Kirsche fiel ihr aus dem
kleinen Schnabel.
Wegen
der Freundschaft mit den Regenwürmern, den Ameisen und dem Tannenbaum wurde die
kleine Schwalbe oft von ihren Artgenossen und Spielkameraden gehänselt. Sie
lachten sie jedesmal aus, wenn sie mit ihnen sprach und spielte.
"Nach
Süden, nach Süden möchte ich nicht", rief die kleine Schwalbe. "Ich
will hier bleiben. Hier bin ich geboren. Hier habe ich meine Freunde. Die
Kirschen und Mirabellen schmecken mir. Die Bäume sind grün. Ich bin hier glücklich."
Sie
wollte sich nicht beruhigen und fragte immer wieder: "Warum gerade nach Süden?".
Den Argumenten ihrer Mutter hörte sie nicht zu. Eines Tages aber erklärte sie:
"In Ordnung, dann will ich vielleicht doch mit in den Süden". Nur
damit die Mutter endlich aufhörte, sie mit langen Reden zu quälen. So konnte
sie zu ihren Freunden fliegen.
Zur
Schule ging die kleine Schwalbe nicht so gerne. Sie mochte die Befehle und
Mahnungen ihrer Lehrer nicht. Außerdem lachten die Mitschüler sie aus. Machte
sie einen Fehler, dann riefen sie, sie solle Regenwürmer fressen. Der Lehrer
war sehr streng zu den Schülern. Sie müßten möglichst viele Techniken des
Fliegens lernen, bevor der Sommer zu Ende sei. Nur so würden sie für die lange
Reise nach dem Süden gerüstet sein. Auch bei Unwetter und Regen sollten sie
sich zurechtfinden, weil sie doch zum ersten Mal diese große Schwalbenwanderung
mitmachten.
"Immer
dieses blöde Fliegen! Ich kann es ja, und doch muß ich üben, weil meine
Eltern dies so bestimmt haben. Bereits im Kindergarten habe ich gelernt, wie man
fliegt, so schimpfte die kleine Schwalbe bald jeden Tag.
Die
kleine Schwalbe war Anfang Mai hier im Norden geboren. Anfangs war sie in einem
Nest mit ihren Geschwistern. Ihre Eltern hatten sie mit allerlei Leckerbissen
versorgt. Die kleine Schwalbe konnte bald von einem Ast auf den anderen fliegen.
Ihr machten diese großen Sprünge, die für andere "kleine Sprünge"
waren, Spaß.
"Wenn
die kleine Schwalbe nur auf sich aufpassen würde!", sagte die Mutter.
"Und friß nicht die Kerne der Kirschen, wenn du zum Kirschbaum
fliegst", mahnte sie. Denn die kleine Schwalbe flog gerne zum Kirschbaum.
Die rote Farbe der Kirschen faszinierte sie.
"Du
träumst wieder", sagte der Lehrer. Er fuhr fort: "Woran denkst Du?
Fliegen ist nicht Fliegen! Du hast aber enorme Schwierigkeiten beim Anflug und
Landen! Wenn der passende Wind nicht gewesen wäre, hättest du das Aufsteigen
nicht geschafft. Du versteifst Deine Flügel so sehr, flatterst unregelmäßig
und bist unkonzentiert bei der Sache. Auch deine Hausaufgaben erledigst Du nicht
gewissenhaft."
Die
kleine Schwalbe dachte an die Worte der Mutter. Sie dachte an die Zeiten, da sie
nach Süden fliegen müßte. Sie hatte Angst vor unbekannten Landschaften und
Tieren. Sie konnte sich ein Leben ohne ihre Freunde nicht vorstellen.
"Warum
müssen wir nach Süden", fragte sie den Lehrer. "Das ist eine uralte
Tradition. Unsere Väter haben das gemacht und vor ihnen wiederum deren Väter
und davor wieder deren Väter und so weiter. Wir machen es auch so und damit
basta", antwortete der Lehrer entschieden.
Die
kleine Schwalbe murmelte: "Immer dieses Wort T R A D I T I O N ! Ich höre
es jeden Tag. Meine Eltern benutzen es, der Lehrer benutzt es. Jeder, den ich
frage, antwortet mir: Es ist eben Tradition! 'Tradition', was für ein Wort! Sie
verstehen mich nicht."
An
diesem Tag warf die Sonne noch lange ihre Strahlen über den Horizont. Es war
lange Zeit hell. Die Mutter bat die kleine Schwalbe, endlich zu Bett zu gehen,
damit sie am nächsten Morgen ausgeschlafen sei. "Denn morgen ist wieder
ein Schultag. Du hast nur noch eine Woche Schule, und bald sind Ferien."
Die
kleine Schwalbe hörte ihren Vater kommen. Er berichtete der Mutter von der
Schwalbenversammlung: "Das war ein Tag. Die Vertreter der Gegenpartei
stimmte zunächst dem Antrag nicht zu, daß wir in zwei Wochen die Reise zum Süden
antreten sollen. Sie sagten, daß das Gutachten über Reiseroute und Wind noch
nicht fertig sei.
Der
Älteste schlug vor, daß wir uns bald auf den Weg zum Süden machen sollten.
Wir sollen nun alle Vorbereitungen für die Reise treffen. Erfahrungsgemäß fängt
bald der Herbstwind zu wehen an. Gegen diesen Wind zu fliegen, ist eine Qual.
Das wäre ungünstig für uns, weil er auch den Schnee im Gebirge mitbringt. Wir
finden keine Nahrung mehr. Wenn wir nicht rechtzeitig losfliegen, erreichen wir
den Süden nie!", erzählte der Vater weiter.
"Unser
linker Nachbar ist mit seiner Sippschaft schon vorige Woche aufgebrochen."
"Ja, ja, die waren immer so voreilig. Welche Reiseroute haben sie
genommen?" fragte die Schwalbenmutter.
Kurz
vor dem Abflugtag ermahnte der Vater noch einmal in ernstem Ton die kleine
Schwalbe: "Über das verbotene Gebiet sollst Du nicht fliegen!. Dort ist
das Land der sieben großen Riesen, die sich nicht nur gegenseitig beschießen,
sondern auch auf uns, die wir ja waffenlos sind. Es wird berichtet, daß ihre Könige
ihre eigenen Häuser zwei Mal völlig zerstört haben. Dabei sind auch unsere
Leute von Splittern verletzt worden, manche gar tödlich. Jetzt streiten sie oft
so laut, daß manche Kirschbäume umfallen, insbesondere dann, wenn sie ihre
alljährliche Tanzparty veranstalten."
Am
nächsten Tag war die Zeit zum Aufbruch gekommen. Alle waren erschienen, um
gemeinsam die große Reise nach Süden anzutreten. Die Flugroute war bereits
besprochen, die Zahl der Zwischenlandungen bestimmt.
Nur
die kleine Schwalbe war noch nicht da. Die Eltern, Geschwister und Verwandten
machten sich um sie Sorgen. "Wo steckt sie bloß?", dachte die Mutter.
"'Ich
komme nicht mit', hat sie immer gesagt". "Sie ist wirklich ein
Dickkopf", sagte der Vater. "Sie hat doch letztens zugestimmt, mit
nach Süden zu fliegen." Die Mutter unterbrach den Vater und sagte:
"Hoffentlich ist ihr nicht etwas zugestoßen."
Ganze
Scharen von Schwalben warteten auf sie. Der Chef der Gruppe war sehr unruhig. Er
flog hin und her und flatterte aufgeregt mit den Flügeln. Zwischen den
startbereiten Schwalben gab es einige, die flüsterten und schauten dabei
irgendwie komisch zu den Eltern der kleinen Schwalbe hin. Eine rief aus der
Menge: "Du warst nicht streng genug mit deiner Erziehung. Wegen euch müssen
wir nun unseren Flug verschieben". Nach einigen Stunden ging der
Schwalbenvater zu dem Leiter und bat ihn, das Startkommando zu geben, damit die
anderen nicht länger auf ihn warten müßten. "Wir fliegen nicht mit. Wir
bleiben hier und suchen die kleine Schwalbe". Der Leiter verabschiedete
sich von der Familie und einigen Freunden der kleinen Schwalbe und wünschte
ihnen viel Erfolg bei der Suche.
Auch
einige Nachbarn waren geblieben, die bei der Suche nach der kleinen Schwalbe
behilflich sein wollten. Denn sie alle hatten die kleine Schwalbe lieb, auch
wenn sie so sonderbar und eigensinnig war.
Während
die anderen Schwalben mitsamt ihren Familien davonflogen, kehrten die Eltern,
Geschwister, Verwandten und Nachbarn der kleinen Schwalbe wieder zu ihren
Nestern zurück.
Als
sie nach Hause gekommen waren, um die Suchaktion zu starten, sahen sie die
kleine Schwalbe fürchterlich jammern und weinen. Sie hatte Schmerzen. Vor
lauter Schmerzen konnte sie kaum sprechen. Sie war an einem Flügel verletzt und
konnte nicht fliegen.
"Hast
du das verbotene Gebiet angeflogen?", fragte die Mutter. "Ich wollte
mal schauen, was dort los ist". Dort sahen die Waldfrüchte sehr schön
aus. Die Bäume sind voll, die Landschaft reich an Nahrungsmittel. Plötzlich
habe ich einen Knall gehört. Ich versuchte, schnell zu fliehen. Dennoch ist
mein rechter Flügel verletzt. Mit Müh und Not bin ich hierher geflogen.
Die
kleine Schwalbe hatte viel Glück gehabt. Wäre nicht die Ameise da gewesen, wäre
sie schon von den sonderbaren Waffen eines Riesen getötet worden. Dieser Riese
hatte sonderbare Regeln, die die kleine Schwalbe nicht nachvollziehen konnte.
Sie verstand nicht, warum er der kleinen Schwalbe ein Paar Körner hinwarf und
dabei ihren Lieblingskirschbaum umlegte, von deren Früchte sie sich ernährte.
Er verschlang den Baum samt Wurzeln und Früchten. "Gott sei Dank, daß
diese Riesen keine Flügeln haben", meinte die kleine Schwalbe. Nach einer
kurzen Überlegung: "Eines Tages werden sie sich bestimmt Flügel basteln können
und dann sind wir ihnen ausgeliefert."
Während
die Ameise ein totes Insekt schleppte, sah sie die kleine Schwalbe singend hin
und her fliegen. Plötzlich merkte sie, daß ein gefährliches und Tod
bringendes Gerät eines Riesen auf die kleine Schwalbe zielte. Die Ameise ließ
ihre Beute los und rannte so schnell sie konnte auf den Riesen zu. Sie biß in
seinen Zeh, so daß seine Hände zitterten und der Hauptteil der
"Munition" die kleine Schwalbe nicht hat treffen können. Dennoch
wurde sie am rechten Flügel durch einen Splitter getroffen.
Die
Tage wurden kürzer und kürzer. Die kleine Schwalbe sehnte sich nach
Sonnenschein und langen Tage. Die Ameise und die Regenwürmer verabschiedeten
sich und suchten geeignete Plätze für ihren tiefen Winterschlaf. Es wurde früh
dunkel. Die ganze Familie der kleinen Schwalbe war verzweifelt.
"Ihr
sollt auch nach Süden fliegen. Ich bleibe mit dem Jüngsten hier", sagte
die Mutter. Schweren Herzens verabschiedeten sich der Vater, die Geschwister,
die Verwandten und die Nachbarn. Sie strengten sich an und flogen, ohne größere
Pausen einzulegen, damit sie ihre Verspätung ausglichen und den großen
Schwalbenschwarm noch einholten.
Inzwischen
war das Schwalbennest auf dem großen Baum zerstört worden. Die Schwalbenmutter
hatte nicht die Kraft, ein neues Nest auf einem anderen Baum zu bauen. Das hätte
Wochen gedauert. Außerdem fehlen auch die nötigen Baumaterialien. Die Nächte
waren kalt geworden. Es war im Begriff zu schneien. Über Nacht froren die
beiden sehr. Die kleine Schwalbe entschuldigte sich bei der Mutter:
"Eigentlich haben unsere Vorfahren recht, daß sie im Herbst in den Süden,
in wärmere Gegenden fliegen. Hier ist es für uns wirklich zu kalt. Was wird
jetzt aus uns werden? Wir haben kein Nest, um uns darin zu wärmen! Liebe
Mutter, werden wir jetzt erfrieren?" fragte sie ängstlich
Die
Schwalbenmutter ging zum Apfelbaum. "Apfelbaum, dürfen wir bei dir überwintern?"
"Nein, nein, es ist nicht möglich. Bei mir ist das Boot voll",
erwiderte der Apfelbaum. "Ich muß so viele Äpfel tragen, die sind mir
sowieso zu schwer. Euch kann ich nicht bei mir aufnehmen. Dieses Jahr geht bei
mir nicht, kommt doch im nächsten Jahr wieder."
Verzweifelt
und enttäuscht gingen sie zum Birnbaum. Auch er sagte die gleichen Worte. Die
Antwort der anderen Obstbäume war ebenso: zu viel Obst, zu schwer, vielleicht nächstes
Jahr! Schließlich kamen sie zum Tannenbaum, auf dessen Zweigen die kleine
Schwalbe während ihrer Kindheit gespielt hatte. Er erkannte sie sofort.
"Du und deine Mutter sind mir herzlich willkommen. Ihr seid für mich eine
Bereicherung", sagte der Tannenbaum mit freundlichem Ton. "Es ist mir
eine Freude, euch bei mir aufzunehmen, denn ich möchte nicht allein sein.
"Seitdem meine Eltern umgelegt wurden, bin ich hier ganz allein. Leider
trage ich keine Früchte, worüber die Menchen sich freuen würden."
Der
Winter war vorbei. Die Mutter und das Kind bedankten sich bei dem Tannenbaum für
die freundliche Aufnahme und wünschten ihm eine gesegnete Ernte.
Scharenweise
kamen die Schwalben zurück. Auch die Familie der kleinen Schwalbe war da. Sie
freuten sich über das Wiedersehen und umarmten sich. So verbrachten sie jedes
Jahr den ganzen Sommer im Norden, im Winter aber zogen sie nach Süden. Von
diesem Zeitpunkt an verstand die kleine Schwalbe den Sinn der alljährlichen
Wanderung. Sie verstand nun, was das Wort "Tradition" bedeutet.
So
flogen sie jeden Herbst nach Süden und deshalb merkten sie nicht, daß der
Tannenbaum seit dieser Zeit nie seine Blätter verlor. Kein Blitz der Welt
konnte den Tannenbaum verbrennen. Auch im Winter war er grün und nie einsam.
Denn ein glanzvolles Licht schien an einem dunklen Wintertag, ein Licht der
Liebe, ein Licht des Südens und schenkte dem kleinen Tannenbaum eine Kraft, im
Winter Früchte zu tragen, während die Obstbäume unfruchtbar und die Riesen
machtlos wurden. Die Früchte des Tannenbaumes haben einen besonderen Wert, denn
sie bringen Freude und Begeisterung für Klein und Groß.
Die
Schwalben werden seither als "Glücksbringer", "Blitzabwender"
und "Frühlingsbote" bezeichnet.
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