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Afghanistan ist auch
im Wandel. Diese traditionelle Schätze, die Jahrtausende als bewährte Mittel
der Erziehung und Bildung genutzt worden sind, scheinen in Vergessenheit zu
geraten. Krieg und Bürgerkrieg verdrängten diese traditionelle Mitteln der
Erziehung und Sozialisation aus dem Leben des afghanischen Kindes. Denn statt in
Winterabenden Märchen zu erzählen, wurden über Krieg und Elend erzählt.
Statt mit „“Bugol“ und „Panjaq“ nahmen auch Kinder Waffen in der
Hand.!
Ich versuche, eine
kleine Auswahl von diesen bunten und vielfältigen Möglichkeiten der Vergnügung
und des Lernens aus Afghanistan den kleinen und großen Lesern vorzustellen, die
sich für die afghanische Lebensform interessieren Im deutschen Sprachraum leben
einige Tausenden von Afghanen.
Vieles spricht dafür,
dass es der jetzigen Übergangsregierung gelingt, in Afghanistan die
Voraussetzungen für relative Frieden und Sicherheit zu schaffen. Solange die
Kinder mit Gewehren hantieren dürfen, gibt es keinen Frieden in Afghanistan.
„Die Arbeit eines Kindes ist Spiel.“ So sagte einst ein deutscher Pädagoge,
von ihm stammt auch der Begriff „Kindergarten“.
Meine Großmutter
und meine Mutter erzählten mir
eine Vielzahl von Fabeln und Märchen. Sie hatten ein gutes Gedächtnis;
sie erzählten diese Fabel und Geschichte mir oft aus Stegreif, aber meistens in
Winterabwenden. Nun lebe ich seit 1972 in Deutschland und habe noch im Gedächtnis.
Märchen,
Fabel und Witze waren in Afghanistan vor allem im Winterabenden großgeschrieben.
Alt und Jung erzählen an diesen Abenden, besonders bevor sie ins Bett zum
Schlafen gehen.
Da die
weiten Teile des Landes nicht elektrifiziert waren und die Petroleumslampen
nicht länger als nötig gebraucht wurden, gingen die Menschen entweder nach
Sonnenuntergang ins Bett und stehen in der Morgendämmerung auf, oder sie
schaffen sich durch Erzählen von Märchen, die mündlich überliefert und nicht
schriftlich abgelesen werden, eine angenehme Verkürzung der langen
Winterabende.
Auch in
den ärmeren Schichten Afghanistans ist es Tradition, daß einmal im Monat, wenn
der Vater seinen Lohn bekommen hat, "Keschmesch Nachott" (Sultaninen
und geröstete Kichererbsen) zum Essen gibt. Während der Vorbereitung hierfür
(die Schalen der gerösteten Kichererbsen und die Sultanienstielchen werden
abgetrennt, die Früchte von Staub gereinigt usw.) erzählen meistens die Großeltern
den Kindern die Geschichte von "Schlehdornsammler", um ihnen die Zeit
zu verkürzen. Nach der Beendigung der Geschichte (Ende der Geschichte und der
Zeremonie decken sich oft) unter den Familienmitglieder verteilt. Hierbei
bekommen Alt und Jung die gleiche Menge, und damit es gerecht zugeht, wird als
Maß die Teeschale der Großeltern benutzt. Dies ist eine große Ausnahme, die
die Kinder gleichberechtigt behandelt werden. Ansonsten werden die Kinder
entweder bevorzugt, was meistens der Fall ist oder vernachlässig behandelt.
Bei
Kindern, Jugendlichen und auch Erwachsenen sind folgende Arten von teils überlieferten
und teils schriftlich im Ausland fixierten Geschichten besonders beliebt, zumal
Fernsehen vereinzelt erst seit 1978 in Afghanistan gegründet wurde:
Da ich
aus dem persischsprechenden Kulturkreis stamme, schreibe ich einige dieser Märchen
und Geschichten, die ich noch in Erinnerung habe.
Die Märchen
fangen häufig mit einem Reim und schwer ins Deutsche zu übertragen. Daher
versuche ich diese ins Deutsche zu transkripieren, und eine sinngemäße Übersetzung
anzubieten, sonst würde die abba Reim in dieser Variation beeinträchtigt.
| Original Farsi
bzw. Dari (wörtl. Übersetzung) |
ungefähre
Übersetzung ins Deutsche |
Yaki
bud , Yaki nabud
dar
zamana -e- Pesch az in
dar diar o en sar zamin
dar zer asemane kabud
be ghair as khoda kasse nabud
jak
Padscha bud
Padscha e ma Khoda bud
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Es
war einmal
in
alten Zeiten, vor dieser Zeit
in diesem Lande auf dieser Erde
unter dem blauen Himmel
außer Gott war niemand
es war ein König,
doch unser König war der Gott |
Es gibt
aber auch andere Variationen, die vom Gebiet zu Gebiet der persisch-sprechenden
Afghanen verschieden ist. So z.B. der folgende Reim eines Märchens:
Yaki
bud, Yaki nabud
Ba ghair as Khoda kassi nabud
Dar zer Aseman e kabud
Yak Padscha bud
Padscha e ma khoda bud |
Es
war einmal
außer Gott war niemand
unter dem blauen Himmel
war ein König
doch unser König ist der Gott |
Am Schluß
der Geschichte und Märchen sind folgende Zeilen zu sehen:
| Bala
raftem |
Wir
gingen nach Oben, |
| Hawa bud |
da war Luft |
| Paian raftem
|
Wir gingen nach Unten |
| Dugh bud
|
da war Buttermilch |
| Qessa e
ma drugh bud |
unsere Geschichte
war ein Lüge und Trug |
Bei
Geschichten und Fabel, die nach der Realität wahr sein kann:
| Bala
raftem |
Wir gehen nach Oben,
|
| Hawa bud
|
da war Luft
|
| Paian
raftem |
Wir gehen nach Unten
|
| Maßt
bud
|
da war Joghurt
|
| Qessa e
ma raßt bud
|
unsere Geschichte war echt
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Typisch
ist für den Märchenerzähler, vor allem für den Erzähler aus dem Gebiet von
Hazarajat, daß er zwischendurch in Reimen spricht, wenn der Held oder die
Heldin sich auf eine lange Reise begeht. Hier hören wir dann folgendes :
Ai Maidan (wörtl. Anfang der Wüste)
Tai e Maidan (Mitten in der Wüste)
Khare Maghelan (Schlehdorn von Maghelan)
Tschek, Tschek e Gondjeschkan ((Gezwitscher der der Spatzen)
darazi Karbas (Die Länge von Leinwand)
kotaie Sokhan (Die Kürze der Rede) |
Der
Held/ die Heldin machte sich auf den Weg
überquerte die Wüste
überwand die Schlehdorn von Maghelan-Wüste
hörte die Gezwitscher von Spatzen
Langer Sinn
Kurzer Rede
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Gerade,
weil eine schriftliche Überprüfung nicht möglich ist, und die Geschichten und
Märchen von Generation zur Generation überliefert werden, scheint hier einige
Gründe zu geben, die der Erzähler etwa aus der Verlegenheit oder etwa weil der
genaue Wortlaut des Märchen nicht ihn gerade einfällt einige märchenfremden
Bemerkungen hinzuzufügen, die eigentlich nicht zu dem integralen Bestandteil
des ursprünglichen Märchens gehören.
Der
Einfluß der islamischen Zeit ist dafür verantwortlich, daß einige religiöse Bemerkungen am Anfang und oder am Ende
vom Erzähler im Märchen hinzugefügt wurden,
, "Jaki bud, Jaki nabud, yak Padscha bud, Padscha e ma Choda bud", "Choda
buzurg ast" "Choda Muradasch ra dad.". Morade ma ra ham bedehad"
(die Übersetzungen lauten: "Es war einmal
ein König, unser König war der allmächtige Gott". "Gott ist groß. Gott hat seinem Wunsch erfüllt, möge
auch unserem Wunsch in Erfüllung bringen".
Die Heldentaten der
religiös- islamischen Märtyrer werden von Sadus während
der islamischen Festtagen vorgetragen, die von Kindern und Erwachsenen gerne
gehört werden. Während die Märchen der antiken und vorislamischen Zeit, also
von den Zeiten der buddhistischen und zoroastrischen Hochkulturen Figuren wie Riese,
Drachen kennen, kommen in den Erzählungen der Sadus Figuren des Mittelalters
wie Teufel, Engel und Dschinnen vor.
P, G
(sprich englich), G, und Tsch kommen im Arabischen nicht vor. Diese Buchstaben
(Phoneme) kommen ausschließlich in der indo-europäischen bzw. iranischen
Sprachen vor. Afghanisch gibt es eigentlich nicht. Es sind 200 Sprachen laut der
Linguisten. Daher ist unmöglich, alle Märchen in verschiedenen Sprachen zu
sammeln. Was man machen kann, ist eine Sammlung von Märchenvariationen, die in
einem Gebiet, manchmal in einer Sippe vorkommen.
Ich
versuche, die Geschichten so zu erzählen, die ich als Kind gehört habe.
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