Sprachen und Literatur in Afghanistan

Über den Begriff AFGHAN und Afghanistan

von Dr. Mir Hafizuddin Sadri

allgemein beeidigter und ermächtigter Übersetzer des Dari

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indoeuropäisch iranischer Abzweigung
 ( überwiegend Awesta)

indoeuropäisch  
(überwiegend Sanskrit)

altaische bzw.finno-ugrisch 

Balutschi (Belutschi)

Paschto  (Pachto)

Hindi

Turkmani (Turkmenisch)

Brahui

Paschai

Jati 

 

Dari (Farsi oder Parsi)

Usbaki (Usbekisch)

Panjabi (Punjabi)

 

Hazaragi

Urdu (Gemisch)

 

Nuristani

 

 

Einleitung

Über den Begriff Afghan und Afghanistan

Das Wort Afghan stammt von dem Begriff abgan ab, das auf Sassaniden-Dynastie um ca. 225 n. C.  zurückgeht. "Danach sind Begriffe wie aughan, apagan und avagana verwendet worden. "Apagan" bedeutet wörtlich Löwe und war der Titel der Sassanidenkönig Schahur II. "Löwe" war auch das Emblem der roten Flagge der Ghaznawiden im 11. Jahrhundert. Die großen Dichter des 10. Jahrhunderts erwähnten in ihren Werken die Bezeichnung Afghan. Insbesondere der berühmte und bekannte Dichter Ferdaussi erwähnt häufig die Begriffe Afghan und aughan in seinem Epos Shanama (Königsbrief).

In Indien des 14. Jahrhunderts wurden die dort angesiedelten Paschtunen als Pathanen bezeichnet. Die Anführer der Paschtunen-Stämmen haben im 16. und 17. Jhd. versucht, alle als "aughanen" bezeichneten Stämmen zu einen und einen unabhängigen Staat zu errichten. Die bedeutendsten Stämmen waren die Khattak, Jussufzai, Ghalzai, Mohmand, Durani, Mahammadzai, Sadozai und Popalzai u.v.m. Seit der gescheiterten Konföderationsbildungen und der gemeinsamen Unabhängigkeitsbestrebungen der Völker dieser Gegend im Mittelalter und in der Neuzeit (Europäische Aufklärung) waren die geistigen Anführer und Staatoberhäupter selbst Dichter und Literaturliebhaber. Khuschal Khan, Rahman Baba, Abdul Rahman Mohmand waren berühmte Dichter der  Sprache Paschtu. Sie dichteten auch auf Dari. Mirwais Baba, der gescheiterte Staatsmann Afghanistans, verfasste selbst Gedichte und nicht zuletzt Ahmad Schah Baba, vom Stamme Durani, war selbst Dichter der Paschtu-Sprache und Liebhaber der persischen Dichtung derart, daß er selbst in persischen Königspalästen gefördert wurden oder und in ihren Höfen Farsi e Dari gesprochen hat. Selbst der unbeliebteste König und Statthalter der Engländer, Schah Schodja, dichtete Verse in Paschto und Dari.

Im Jahre 1709 gründete Mir Wais Otakki von dem Ghalzai-Stamm in Kandahar ein Reich, das zwar nicht von Dauer war, aber für die Bildung eines künftigen Staates von großer Bedeutung war. Erst unter Durani-Stamm  gründete Ahmad Schah Baba im Jahre 1747 in Kandahar ein Riesenreich unter dem Namen "Khorsasan Kabir und Mawara ul Nahr" (Großkhorassan und Gebiete von oberhalb Oxus). Der Name "Afghanistan" ist zum ersten Mal im Jahre 1801 offiziell aufgetaucht. Sein Sohn Timur Schah verlegte die Hauptstadt des "Großkhorassan und der Gebiete des oberhalb des Amur Daria" von Kandahar nach Kabul. Der Begriff Afghan wird doppeldeutig verstanden:

a) als Synonyme für Paschtunen

b) als  Staatsbürger Afghanistans verwendet. 

Für die Paschtunen sind verschiedenen Fremdbezeichnungen unter anderem Aughan verwendet worden. Ihre Eigenbezeichnung lautet Pachtana oder Paschtana, Pachtun oder Paschtun. Dieser Ausdruck  war ursprünglich als Synonyme für die Stämme gebraucht, die Paschto sprachen.

Der Begriff Paschtunwali  ist eher im Ausland populär. Seit der schriftlichen Fixierung im Jahre 1939 durch Pazhwak bis zu den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts wurde der Ehrenkodex der Paschtunen  als "Afghanyat" bezeichnet. Pachtunwali ist nicht nur das Ehrenkodex der Paschtunen, sondern auch die Grundprinzipien ihres Stammesrechts. Gastfreundschaft,  Asyl, und Djirga sind die traditionellen kulturellen Normen. Djirga bedeutet Disput, Streit, Diskussion oder Gespräch und wird einberufen, wenn auch Sippe ein Problem zu lösen wird.. Djirga, diese traditionelle Form der Konfliktlösung ist sehr wichtig, um z.B. die Blutrache durch Asyl und Gastrecht zu kompensieren. Bei größeren nationalen Probleme werden Loyia Djirga (Großer Streit) einberufen. Diese wertvolle Tradition der Paschtunen ist zu einem staatlichen Gremium in Afghanistan (Loyia Djirga = Große Versammlung) ausgebaut. 

 

Einleitung

Unter der afghanischen Sprache und Literatur verstehen wir zum einen literaturhistorisch die Überlieferungen und das vorhandene Schrifttum, die auf dem Boden des Landes entstanden sind , das im Altertum als Ariana und im Mittelalter als Khorassan und seit der Gründung des Staates im 18. Jahrhundert  Afghanistan bezeichnet wurde und zum anderen die Dichtung der  Völker in Afghanistan, die geographisch nicht auf eine völkerrechtliche und staatliche Grenzlinie eingeschränkt ist. Die Literatur der Sprache Paschtu, eine iranische Sprache von der indo-europäischen Sprachfamilie, die teils in Afghanistan und teils im nordöstlichen Pakistan gesprochen wird, ist reich von der Liebes- und Lobeshymnen, die ihre Quelle in "Pota Khazana" (verborgener Schatz) hat, der bis heute verborgen geblieben ist. Dem mehrfach nationalem und internationalem Ersuchen, den Schatz zu veröffentlichen, wurde nicht entsprochen.

Die Linguisten und Ethnologen schätzen die Zahl der ethnischen und sprachlichen Gruppen in Afghanistan auf 200. Diese Schätzung kann realistisch sein, wenn man die verschiedenen Dialekte innerhalb einer Sprachprägung mit einbezieht. Von einer Sprache der selben Sprache kann man in Afghanistan nicht sprechen, sondern von lauter Sprachprägungen. Allerdings korreliert die Sprache in Afghanistan kaum mit der ethnischen Struktur und schon gar nicht mit der religiösen und konfessionellen Zugehörigkeit.. In Hazarajat (Provinz in Zentral-Afghanistan mit der Hauptstadt Bamian) sprechen die Hazara (Hazar =Tausend) eine Mundart von Dari (Persisch, die Hofsprache), während sie ethnisch zu der Gruppe der Moghulen, in der ausländischen Literatur nach den Tausendschaften der Truppen Dschingis Khans benannt wurden. Auch diese Bezeichnung ist eine Fremdbezeichnung.

Über die Anzahl der Angehörigen einer Sprache gibt es kaum zuverlässige Statistik. Statistische Angaben sind auch nur Schätzungen. Selbst die Volksbefragungen, die von den soliden Regierungen geführt worden sind, sind nicht zuverlässig. Daher sind die statistischen Angaben nur noch Schätzungen und Hochrechnungen. Die Gründe sind u.a. auch bei der afghanischen Lebens- und Denkweise zu suchen. Angaben über die Anzahl der Kinder und Frauen werden ungenau beantwortet. Es ist mancherorts unhöfflich, überhaupt diese Frage zu stellen. Zudem kommt es, daß seit Jahrhunderte die 2,5 Millionen Nomaden zwischen Afghanistan und Pakistan hin- und herwanderten. Aufgrund des Krieges, der Flucht und Auswanderung konnte auch keine genaue Statistik ermittelt werden. Darüber hinaus, sind die Schätzungen auch deshalb vage, weil viele ethnische Gruppierungen im Laufe der Zeit ihre Sprache teilweise oder völlig aufgegeben und sich den anderen beiden großen sprachlichen Mehrheiten (Paschto und Dari bzw. Farsi) vollständig angepaßt haben.

In Afghanistan lebt eine Vielzahl von ethischen, religiösen, sprachlichen und nationalen Gruppierungen und Minderheiten. Eigene Familie und Sippe höchstens der eigene Stamm war von Interesse, da hier die gleiche Mundart der selben Sprache gesprochen, der von dem anderen Stamm anders artikuliert wurde. Diese von den internationalen Fachleuten geschätzte "tolerante Haltung" in Afghanistan war mit dem Beginn der kriegerischen Auseinandersetzungen erheblich in Mitleidenschaft gezogen.

Das Leben in der Fremde, insbesondere im pakistanischen und iranischen Exil, beeinflusste nicht nur die Sprachentwicklung. Die paschto-sprechenden Jugendliche, die im Iran waren, haben neben ihrer Muttersprache, auch das persische Farsi, gelernt. Umgekehrt lernten die dari-sprechenden Jugendliche neben Paschto, auch Urdo. Dennoch waren und sind die negativen Aspekten dieser Flucht wie Not, Elend und Perspektivlosigkeit größer als der positive Beitrag im kulturellen Bereich. Auch diese negativen Erfahrungen führten die Menschen näher zusammen und stärkten bei diesen Menschen die Solidarität und Zusammengehörigkeitsgefühle.  

Für uns ist jede Sprache eine Bereicherung für die kulturelle Ästhetik unseres Landes. Wie in einem Garten die Existenz verschiedener Blumen und Pflanzen unabdingbar ist, so hat in Afghanistan jede sprachliche, religiöse, ethnische Gruppe ihren festen Wert und kann dies zu der Stärke und zur Entwicklung unseres Landes auf dem Wege der Toleranz, Vielfalt, Machtaufteilung und Humanismus förderlich sein. 

 

Paschai

Im Süden der Hindukusch-Gebirge leben die Angehörigen dieser ethnischen und sprachlichen Gruppe. Nach einer in der Zeit des König Sahir Schahs geführten Statistik wurde ihre Anzahl mit 20 000 angegeben. Über die Zahl der paschai-sprechenden Afghanen gibt es auch heute  nur noch  Schätzungen. Paschai ist eine indoeuropäische Sprache, iranischer Abzweigung, die von Gebiet zu Gebiet, von Sippschaft zu Sippschaft Unterschiede aufweist.

Nuristani

Nuristani gehört zum indoeuropäischen Sprachstamm und wird von ca. 100 000 Menschen in Nuristan (Land des Lichts) gesprochen . Die Gegend war bis zum Jahre 1895 als Kaferstan (Land der Heiden) bekannt. In der ausländischen Literatur werden die Bewohner von Nuristan als Griechen bzw. Nachkommen der Soldaten Alexanders des Großen bezeichnet. Sie benutzen Stühle und Tische und haben  häufig helle Haare und blaue Augen. Deshalb sie als Nachkommen der Griechen zu bezeichnen, ist unzureichend, da auch noch andere Volksstämme in Afghanistan helle Haare und Augen haben. So sind z. B. die Bewohner des Pandschir Tals oft rothaarig und blauäugig. Auch bei anderen Volksgruppen findet man einen prozentual geringen Anteil an Menschen mit den o.g. Merkmalen. Sie beachten streng ihre Exogamiedirektiven. Reichtum ist bei Nuristani nicht daran bemessen, wie viel jemand besitzt, sondern wie viel er ausgibt.

Brahui

Durch die Durand-Linie zwischen Britisch-Indien und Afghanistan im Jahre 1893 (seit 1947 Pakistan) gezogen, wurde diese ethnische Gruppe in zwei Teile geteilt. Die überwiegende Mehrheit der Brahui leben in Belutschistan, sind aber nicht Belutschen. Ihre Sprache ist drawidisch.

Belutschi

Während der größte Teil der Belutschen im Iran und in Pakistan lebt, wird ihre Zahl in Afghanistan auf 200 000 geschätzt. Ihre Sprache ist eine indoeuropäisch, iranischer Abzweigung.

Hazaragi

Sie ist eine Sprachprägung von Dari, aber mit einer stark abweichenden Akzentuierung. Die Angehörigen sind kulturell mit Tadschiken verbunden.

Usbaki (Usbekisch)

Die Usbeken Afghanistans sind kulturell den Tadschiken ähnlich und sprechen hauptsächlich Dari. Hier haben sie sich im Laufe der Zeit total assimiliert. Die ursprünglich von Usbeken gesprochen Sprache haben viele aufgegeben. 

Turkmani (Turkmenisch)

Sie gehört zur Familie der Altaischen. Auch sie sind kulturell und sprachlich teilweise assimiliert und sprechen hauptsächlich Dari. Ihre ursprüngliche Sprache haben sie beibehalten und somit ist eine Dialekt entstanden, die Sprache dem Türkischen ähnelt.

Jati

Jati ist eine indo-europäische Sprache indischer Abstammung. Sie wird gesprochen von jenen hin- und herwandernden Leuten, deren Frauen von Haus zu Haus die pakistanischen oder indischen Waren feilboten. 

Urdu

Die Afghanen mit Sikhs- und Hindus-Glaubensrichtungen sprechen in Afghanistan Urdu., wenn sie untereinander sprechen. Urdu ist ein Gemisch aus Hindi und Arabisch. Die Frauen von Afghanen mit der Glaubensrichtung Sikh haben Zusatznamen Kaur und die Männer Zusatznamen Singh.  Sikhs haben hauptsächlich in Kabul, Jallalabad, Kunduz, Gazni und Charikar gelebt, wobei Hindus im ganzen Land vor allem in Kabul, Kandahar, Herat, Khost, Jallalabad usw. vertreten waren bzw. sind.

 Während die Filme aus europäischer Produktion in Amtssprachen des Landes synchronisiert wurden, führten die Kinos des Landes  indische Filme aus Bollywood in Orignialfassung vor. So lernten viele  Kinobesucher die Sprache Urdu .

Panjabi (Punjabi)

Diese Sprache wird von der afghanischen Sikhs gesprochen. Sie leben hauptsächlich in Kabul, Kandahar und Djalallabad. Alle männlichen Sikhs tragen den Namen "Singh". Alle weiblichen Sikhs tragen den Namen "Kwr"

Hindi

Angehörige der hinduistischen Religionen, die seit Regierungszeit von Kabulschaian überwiegend  in Kabul, Kandahar und Djalalabad seit Jahrtausenden leben. Ihre Sprache ist indogermanisch und stammt aus Sanskrit, altindischer Abstammung. 

 

Paschto oder  Pachto

Paschto ist eine indoeuropäische Sprache und gehört neben Dari zur Amtsprache.  Paschtu hat auch verschiedene Dialekte, die in verschiedenen Gegenden Afghanistans, was die Akzentuierung und Lexikon anbelangt, verschieden gesprochen wird. Kandahari, Wardaki, Djellalabadi und Khosti sind die wichtigsten Sprachprägungen von Paschto. Die Durand-Linie (1893) trennt diese afghanische Bevölkerungsgruppe zwischen damaligen britischem Indien und Afghanistan. Pakistan ist seit 1947 entstanden. Diese Grenze löste bereits verschiedene Konflikte zwischen Afghanistan und Pakistan aus, die beinahe in der Regierungszeit von Daud, einem Vetter des Königs zum Ausbruch von militärischen Auseinandersetzungen enden könnten.

Da die arabische Schrift den Lauten der indo-europäischen und indo-iranischen Sprachen nicht Rechnung trugen, so wurden neben der Phoneme P, G, Tsch und J ( J gesprochen wie g in Garage), zusätzlich eine Reihe von anderen Buchstaben entwickelt. Für einige  Diphthonge verwenden die Paschtunen lediglich eine Buchstabe. Außerdem brauchte die Schrift distinktive Merkmale für die Genusbildung. In keine andere Sprache im Afghanistan sind die für indoeuropäischen Sprachen charakteristische Phoneme wie "P", "G", "J" und " Tsch" in Hülle und Fülle erhalten geblieben. 

Die bedeutendsten Dichter dieser Sprache sind Khosachal Khan Khattak, Rahman Baba und Abdul Rahman Mohmmand, die zu dem als geistige Vorkämpfer der Paschtunen für ihre Unabhängigkeit galten. Charakteristisch ist für Paschtunen und Belutschen ihre Kampfdichtung oder epische Dichtung, vor allem der Landai, der Minnesang der Paschtunen. Das Paschtu-Wort Minna bedeutet , ähnlich wie im Althochdeutsch, Liebe. In den Minneliedern werden Standhaftigkeit, Heldenmut, Tapferkeit usw. besungen. In einem Gedicht einer Frau an ihren Geliebten heißt es sinngemäß u.a.

Wenn du nicht in den Maiwand-Kampf ziehst
werde ich dir nicht verzeihen
Ziehst du hin und wirst am Rücken verletzt
werde ich dir nicht verzeihen
Wenn Du aber in der Brust tödlich verletzt wirst
werde ich dir aus meinen Zöpfen ein Totenkleid flechten

Auch die Literatur der Paschto ist von den Gesetzen und Direktiven von Paschtunwali (Ehrenkodex) geprägt..

 

Dari oder Farsi

Bis in den 60er Jahren waren die offiziellen Titel der Lesebücher in afghanischen Schulen  Qerahate Farsi (Lesebuch Farsi). Seit den 60er Jahren benannte das zuständige Ministerium die Lesebücher allmählich in Qerahate Farsi e Dari und schließlich nur noch Qerahate Dari um. Während die Bevölkerung immer noch von "Farsi" spricht, wenn sie Dari meint, sprechen die afghanischen Administrationen, die staatlichen Institutionen und Medien von Dari, wenn sie Farsi meinen. Auch wenn "Dari" der richtige Ausdruck ist, eingebürgert hat sich die Bezeichnung noch nicht.

Farsi, Parsi oder Dari haben kulturgeschichtlich gesehen den gleichen Ursprung. (Alt)iranisch (gelegentlich wird auch vom Altpersischen gesprochen) ist der terminus technicus der Linguisten und Etymologen  für die Bezeichnungen "aria - i " (arisch) und Ariana (Land der Arier), die auch für die heutigen Bewohner dieses Gebietes nicht negativ besetzt sind. Durch die Lautverschiebung im Laufe der Geschichte wurde von Ariana Iran. Seit 1934 nennt sich Persien offiziell Iran. Sie stammen von den wenig vorhandenen schriftlichen Überlieferungen von Awesta (das heilige Buch des Zoroastrismus) ab. Die latinisierte Form von ARIANA ist ARIANE und griechisch  Form lautet  Aρίανε.

Zarathustra (gr. Zoroaster, in iranischen Sprachen Zordosht, Zortoscht und Zarduscht gesprochen und geschrieben) soll nach umstrittenen Angaben inzwischen 13. Jhd- 6 Jhd. v. Chr. in Baktrien mit der Provinzhauptstadt Bakrta (Balch) geboren sein. Seine Sätze wurden mündlich weitergegeben. Die schriftlichen Überlieferungen sind sehr rar. Sein bekannter Satz lautete: goftar e nek, kerdar e nek, pendar e nek, wörtlich übersetzt heißt gutes Sagen, gutes Handeln und gutes Denken, was modern mit positivem und wohlwollendem Denken, richtigem Kommunizieren und sittlichem bzw. rechtschaffendem Handeln übersetzen werden kann. In der Weltliteratur wird die neue Form der Lehre des Zarathustras auf dem heutigen Gebiet des Irans als Parsismus bezeichnet. Der Parsismus ist bei Parsen nach dem Untergang der Sassaniden-Dynastie weiterentwickelt worden.

Etymologisch und philologisch betrachtet sind Dari und Farsi eine und dieselbe Sprache, was Schrift, Syntax, Morphologie und Lexikon anbelangt. In der phonetischen und phonologischen Aspekte sind gewisse lautliche Veränderungen bei An- und Auslauten Sandhi festzustellen. Zudem sind Lehnwörter oder Fremdwörter zu erwähnen, die von den jeweiligen Epochen abhängen. Selbst innerhalb vom heutigen Afghanistan existieren unterschiedliche Sprachprägungen von Dari oder Farsi, die eher regional bzw. geographisch bedingt sind. Durch die Einflüssen der indischen, chinesischen, griechischen, persischen und arabischen Kulturen sind die Sprachen und Dialekten entstanden, weiterentwickelt, vollständig assimiliert und überhaupt abgestorben worden. 

Der Zweig der selben Sprache im westlichen Teil, also auf dem heutigen Boden Irans, ist von Farsi e Pahlavi geprägt und weiterentwickelt worden. Pahlavi bezeichnet zu einem die Pahlavi-Dynastie und zum anderen das Mittelpersische. Die sog. Mittel-Dari-Sprache ist zwar stark von der Sassaniden-Dynastie geprägt, aber sie hielt ihre ursprüngliche Form trotz der Eroberung dieses Gebietes bei.  Die Sprachzweigen, die in mitteliranischer Zeit in Afghanistan entstanden sind, sind auch im Laufe der Zeit abgestorben, so daß von einer "Mitteldari" kaum gesprochen werden kann.

Zum Vergleich: 
Die Germanistik (die Lehre der deutschen Sprache und Literatur) kennt drei Epochen für die germanische Sprache Deutsch: Althochdeutsch (8.-12. Jdh), Mittelhochdeutsch (12. bis 15.Jhd) und Neuhochdeutsch (ab Luthers Bibelübersetzung bis heute). Das erste Buch des Neuhochdeutschen ist also die Bibel. Die Sprache Dari hat sich seit dieser Zeit nicht wie z.B. das Deutsche geändert. Die Linguisten betrachten das Althochdeutsche als eine völlig andere Sprache sowie das Mittelhochdeutsche ist eine andere. Hier müssen die Studenten des Althochdeutschen und die Mediävistik (Mittelhochdeutsch) die Wörter dieser beiden Sprachen neu erwerben. 

Die Schrift der Dari oder Farsi  wurde allmählich arabisch. Es dauerte fast 400 Jahre (7. bis 10. Jahrhundert n. Chr) bis die alte Schrift durch das arabische Alphabet vollständig ersetzt und weiterentwickelt worden war. Für die Phoneme P, G, Tsch und J ( französisch gesprochen) , welche in semitischen Sprachen darunter auch im Arabischen nicht vorkommen, müssten neue Buchstaben entwickelt werden. Es handelt sich dabei um jene gemeinsame Sprache, die die heutigen Einwohner von Iran, Afghanistan und Tadschikistan sprechen. Lesen und Schreiben können die Menschen in diesen Ländern, sofern sie über die Kulturtechniken verfügen.

Blühte Zeit der Sprache und Literatur der Dari bzw. Farsi waren in den Zeiten der Saffariden (872 bis 910), Samaniden (892-999) und Ghaznawiden.(962-1148). Die literarischen und wissenschaftlichen Werke der Dichterin Rabia Balhki, (10. Jhd), des Dichters Rodaki (gestorben 941) und des Philosophen und Mediziners Ibn  Sina (Avicenna, geb. 980), der Universalgelehrten wie Biruni, Ferdaussi e Tussi, Hafis und Saadi Scherazi, Djami, Djalalludin, Beihaqi und Behdel sind in Dari bzw. Farsi verfasst worden. In der Tat haben die berühmten Dichter dieses Sprachraumes von dem Begriff "Dari", Farsi oder Parsi  in ihre Dichtungen gesprochen, als sie die Schönheit der Farsi huldigten. Nezami (Nizami) schreibt z.B. über den Begriff Dari im 12. Jahrhundert:

Der berühmteste Dichter des 12. Jhd. ist Ferdaussi, der im Hofe von Mahmud der Große in Ghazni (80 km von Kabul entfernt) sein Lebenswerk "Königsbrief" (Schanama) verfasste. In einem seiner Verse lesen wir: 

Ich habe dreißig Jahre lang gelitten, habe aber Parsi (Farsi oder Dari) befreit von Tasi (Arabisch).

Was die Dichter und Denker dieser Zeit schrieben, verstehen die Afghanen, die Perser und die Tadschiken. Der wesentliche Unterschied besteht also darin, daß sie die selben geschrieben Wörter, unterschiedlich akzentuieren und syllabifizieren. Die Akzentzeichen wie Gravis und Akut müssen zwischen den Konsonanten hineingedacht werden, da in der Regel die Wörter mehrheitlich aus Konsonanten bestehen. Z. B. gebrauchen die Afghanen für Wörter mit Endung a  Khana eher Akut, während die Perser von Gravis Khane sagen, schreiben sie alle aber gleich. Während für "macht es nichts" die Perser "Ischkale nedarad" verwenden, gebrauchen die Afghanen "Parwa nadarad". Ischkal bedeutet auf arabisch Problem und das Wort Parwa ist indoiranischer Abstammung und bedeutet ebenfalls Problem oder Sorge. Dennoch brauchen die Perser, Afghanen und Tadschiken keinen Dolmetscher, wenn sie miteinander kommunizieren. Alle diese drei Länder besitzen gemeinsame Literaturgeschichte. Farsi fungierte zudem als Hofsprache. Einige Forscher sind der Auffassung, daß Dari historisch älter als Farsi sei und begründen folgendermaßen: 

  1. Dari stammt aus Dar (Königshof, Tor, Tür, Pforte und Gebirgspass). Auch Darbar bedeutet Königshof.  In der Tat sprechen die Könige Afghanistans, selbst Paschtunen, Farsi als Sprache der Denker und Dichter.
  2. Dari stammt aus Sabane Dari (Sprache des Tals). Dari soll die alte Form der alt und neupersischen Sprache in Tälern von Ariana (Name heutiger Afghanistan in der ariana Ära) gewesen sein.
  3. Farsi wurde aufgrund der schönen Tonalität mit "Kabke Zari" (wörtl. goldenes Rehbhuhn = Fasan gemeint) verglichen. Wie z.B. Ramazan auch Ramadan genannt wird, so ist es aus Kapke Zari im Laufe der Zeit zur "Kapke Dari" geworden.

Dari scheint  älter als Farsi oder Parsi zu sein. Rabia e Balkhi, die berühmte Dichterin schrieb in der Zeit der Samaniden ihre Gedichte in Dari. Rudaki (gestorben 941) war ein Zeitgenosse von ihr. Er selbst schrieb auf Dari. Er soll auch mit Ibne Sina (Avicena) befreundet gewesen sein.  Die Mehrzahl der Dichter verfassten ihre Werke auch in arabischer Sprache, die damals gleiche Funktion wie Latein in Europa hatte. 

Ferdaussi Deutsche Übersetzung
Kodja bevar as Pahlawani schumar Wo man zehntausend Heldenmut (Wörter von Palawi) zählt
bud dar sabane Dari dah azar  in der Dari Sprache waren es Zehntausenden
Farochi
Del ba dan yafti as man key nekodani khanad Sie sprachen von ihrem Herzen
Madhat Khadja e asada ba alfaze dari Lob sei dem freiheitsliebender Fürst mit den Dari Wörtern
Naser e Khosrau
Man anam ke dar paye khokan narezam Ich falle nicht vor den Schweinen in Knie
Mara en qimati der lafze Dari ra Ich schätze die Sprache Dari
Sozani
Sefat roe wai asan bud mara goftan Es war mir einfach sein Antlitz zu preisen
Gahe ba lafze dari o gahe ba schere dari Hier in der Sprache Dari , dort in der Dichtung von Dari
Ferdaussi
Nagar anky goftar o beschnawi Sieh zu, damit du seine Worte hörst
Agar Parsi goyed az palawi Wenn er Parsi spricht, dann aus Palawi
Be farmud ta Parsi Dari Sie sprachen Parsi Dari und
Nab schtand o kota schud dawari schrieben und kürzten die Gerechtigkeit
Nezami
Nezami, key nazm e Dari kare ost

Dari nazm kardan sasaware ost

 

Nezami, dessen Werk die Dichtungsform von Dari ist,
ihm gebührt, in Dari zu reimen   oder
Staat, in dem die Dari-Ordnung herrscht
In Dari zu regieren, gebührt ihm

ﻨﻅﺎﻤﻰ ﮐﻪ ﻨﻅﻡ ﺩﺭﻯ  ﮐﺎﺭ ﺍﻭ ﺴﺕ

ﺩﺭﻯ ﻨﻅﻡ ﮐﺭﺩﻥ ﺴﺯﺍﻭﺍﺭ ﺍﻭ ﺴﺕ

 

 

Literaturgeschichte

Dichtung und Lied, Musik und Literatur, Riten und Bräuche sind auch heute noch  in Afghanistan eng mit einander verbunden. Als die letzten Zügen der Völkerwanderung um ca. 1500 Jahren in vorgeschichtlicher Zeit aus Ariana, dem Gebiet des heutigen Irans (seit 1934 ist Iran der offizielle Name, davor war Persien) nach Süden abklangen, siedelten Menschen in Baktrien mit der Hauptstadt Baktra an, welche den Auftakt der Kunst- und Kulturgeschichte des Landes Ariana darstellt.

Zardusht, begründete in Baktra (Balch) seine Lehre trotz Widerstands der polytheistischen Antagonisten, die sich allen Anzeichen nach erst später von Achaimeniden (8. Jahrhundert v. C.) bis zu Ghaznawiden (11. Jahrhundert n. C.) mit zu den National- und Staatsreligionen des Landes entwickelte. Über die Geburts- und Todeszeit, sowie über sein Leben und Wirken sind keine eindeutige und übereinstimmende Informationen vorhanden. Nach umstrittenen Hypothesen der Archäologen soll der Schmied des Zoroastrismus zwischen 13. und 6. Jhd v. C. die Welt erblickt haben. Baktrien wurde die Hochburg des Zoroastrismus. Die durch in diesem Teil vorhandenen Erdgas gespeisten "ewigen Flammen" dienten als rituelle Feuerstellen. Für die Anhänger des Zoroaster, bezeichnet als "Feueranbeter", gehörte Feuer zu den vier Grundelementen des Lebens. (Wasser, Erde, Wind und Feuer). Enorme Bedeutung gewann die Lehre, als die Perser das Land eroberten und die Hachamanischa (gr. Achaimeniden  8. - 3. Jahrhundert v. C.) diese Lehre als Staatsreligion erklärten. Die sog. Reformation der Lehre im Persischen Reich wurde als Parsismus bezeichnet. 

Awesta, das alte Buch der Lieder schlechthin, besteht aus überlieferten Erzählungen, Sagen und Gesängen, aber auch aus faktisch vermutlich später in der eigenen Sprache des Landes verfassten Hymnen, deren Reste in der Keilschrift der Hachamanischa erhalten geblieben sind. (Diese Tradition existiert auch heute noch in Afghanistan, daß Dichter ihre Gedichte und Lieder mündlich vortragen, weil sie selber nicht lesen und schreiben können. Berühmt für diese Tradition sind die Gebiete um Balch, Badchaschan und Panschir-Tal, aber auch Gebiete der Dichter der Paschtu-Sprache). Awesta ist nicht nur das heilige Buch, sondern auch das erste literarische Buch der arianischen Völker überhaupt. Gâthâ (wörtlich Lied) ist die aus fünf Kapiteln bestehende Urschrift von Awesta. Die Altschrift wurde von links nach rechts geschrieben und gelesen.

Bekanntlich gilt der Prophet im eigenen Land nicht. Nach diesem Motto wurde Zarathustra und seine Weltanschauung zunächst mehr im Ausland als in seinem Geburtsort bekannt. Die Griechen gab ihm den Namen Zoroaster (aster bedeutet Stern) und schätzten ihn als Astronom und Philosoph, als um 330-327 v. C. Alexander der Große Ariana Richtung Indien durchquerte. 250-125 v. C. dominierte ein griechisch-baktrisches Königreich. Der König von Baktrien und Kabul, Meanander, zog nach Indien. Insbesondere in der Zeit der Kuschanendynastie aber auch in der zoroastrischen Sassaniden-Dynastie, die mit zum Buddhismus konvertierten Kuschanen eine Art Konföderation gebildet hatten (1.-7. Jhd. n. C.),  war das Land das Zentrum der drei bis vier großen, zoroastrischen,  buddhistischen, griechischen, brahmanischen Kulturen. Brahmanisnus erlaubte die Huldigung von  verschiedenen hinduistischen Göttern. Mit Musik, Gesang und Tanz gingen sie den rituellen Verpflichtungen nach. An traditionellen Festen wie  Naurozfest  (Frühlingsanfang), das damals am 15. Hut (Fisch), also 4. März, statt am 21.3. (1. Wasserman) gefeiert wurde und das für die indoeuropäischen Völker typische Feste im Monat Mizan (Waage ,September/Oktober) (Djaschne Mehregan, Djaschne Mizan - Ernte Dankfest), sollten Musik und Tanz nicht fehlen. 

So gesehen, kennen die Menschen seit Jahrtausenden Dichtung, die überwiegend lyrischen geprägt war. Die Städte und Provinzen wie Baktra (Balch), Areia (Herat), Ghandhara (Kandahar), Kabul und Bamian waren einst bedeutende Kulturstätte. Leben und Dichtung waren miteinander sehr eng verbunden. Ohne Lieder waren damals die meditativen Zeremonien undenkbar. Zoroastrismus  kannte eine Reihe von Liedern, die für die ritualen Zeremonien unabdingbar waren. 

Von der vorislamischen Literatur, die zwischen 13. Jhd. v. Chr. bis 11 Jhd n. Chr. entstand, ist wenig überliefert, doch von jener Zeit sind die fünfteiligen Gathas (Gatha = Lied) übriggeblieben, die später Texte hinzugefügt worden sind und zwar in der Keilschrift der Aschämeniden, die mit aller Wahrscheinlichkeit von Zoroaster stammen, welche von Generation zu Generation übertragen wurde. Darüber hinaus fanden Lesungen bei Hofe der Fürsten statt.

Diese Keilschrift wurde 1844 von dem dänischen Orientalisten Neils Ludvig Westergaard zum ersten Mal entschlüsselt. Die altpersische Keilschrift war die erste der Inschriften, die entziffert werden konnte. Die deutschen Wissenschaftler Olaf Gerhard Tychsen und Georg Friedrich Grotefend sowie der dänische Philologe Rasmus Christian Rask identifizierten einige Zeichen.