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Bakther
News Agency vom 30.01.05
Bericht
von Abdul Khaleq
Die
Situation von Menschen mit psychischen Erkrankungen in
Afghanistan
Schätzungen
zufolge leidet jede vierte Person in Afghanistan an einer psychisch
bedingten Krankheit.
Für
die Therapie seiner Bürger mit psychisch-seelischen Störungen besitzt
Afghanistan lediglich eine einzige Klinik mit ca. 60 Betten.
Afghanistan
erfuhr einen der längsten Bürgerkriege in seiner jüngsten Geschichte.
Das Land erduldete unwiederbringliche Schäden.
Die
offizielle Statistik zeigt, dass jeder vierter Bürger Afghanistans an
irgendeiner psychisch-seelisch bedingten Beeinträchtigung leidet. Diese
Störungen haben zwar verschiedene Ursachen, doch gerade die vergangenen
Ereignisse sind hauptsächliche Ursache für psychische Störungen bei den
Menschen und hinterließen Spuren von Traumata. Wenn Afghanistan 20 Mio. Bürger
hat, dann beträgt die Anzahl der traumatisierten Menschen 5 Mio. Für so
viele Menschen gibt es landesweit lediglich ein Krankenhaus mit 60 Betten
in der Hauptstadt. Diese Klinik für die Behandlung von Menschen mit
psychisch-seelischer Erkrankung befindet sich im Kabuler Stadtbezirk Karte
Se (Stadtteil 3) in einem ehemaligen Gebäude der Siemens AG. Dieses Gebäude
ist für ein Krankenhaus wahrlich unpassend.
Die
Patienten bzw. Klienten aus allen Teilen des Landes müssen stundenlang
warten, bis sie untersucht werden. Der Einsatz des medizinischen Personals
und sein Engagement unter diesen Umständen und schwierigen Bedingungen
ist zu bewundern und zu würdigen. Die Erkrankungen sind nicht allein
psychiatrisch-medizinisch zu lösen. Für den Heilungsprozess benötigt
ein psychisch erkrankter Mensch viel Zuwendung und diverse Behandlungen
u.a. Gesprächs- und Beschäftigungstherapien.
Elektrischer
Strom sollte eigentlich in einem Krankenhaus etwas Selbstverständliches
sein. Aber: das von einer Hilfsorganisation gespendete Diesel-Aggregat des
Hauses läuft nur von 17:00 bis 22:00 Uhr. Danach erledigt das Personal
seine Arbeit lediglich bei dem Licht einer Petroleumlampe.
Das
Krankenhaus verfügt über keine Grünanlage sowie andere Beschäftigungsmaterialen,
die für die nicht-medikamentöse Behandlung von Patienten mit
psychisch-seelischen Störungen erforderlich sind. Zwar ist im Krankenhaus
eine zwei Regalmeter große Bibliothek vorhanden, jedoch sind die Bücher
auf englisch. So sind nur die Doktoren imstande, sie zu lesen.
Die
Verantwortlichen der Klinik für Psychiatrie wenden sich ungern an die
Presse, um nicht mit den zuständigen Beamten des Gesundheitsministeriums
konfrontiert zu werden.
Mohammad
Hanif, Direktor einer staatlichen Behörde, dessen 20jähriger Sohn „Emmal“
hier wegen seines im pakistanischen Exil ausgebrochenen psychischen
Leidens stationär behandelt wird, würdigte dankend die Arbeit der Ärzte
und des Betreuungspersonals. Emmal, der mit seinem Taschenradio spielt,
bittet seinen Vater, ihn mit zurück nach Hause zu nehmen. Emmals
Rehabilitation benötigt nach Aussage des behandelnden Arztes relativ
lange Zeit.
Sein
Vater beanstandete aber einige Mängel der Einrichtung sowie ihre Lage,
Umgebung und das Fehlen einer erforderlichen Ausstattung und weitere
Einschränkungen der Klinik. Er beschwerte sich u.a. darüber, dass
mehrere Patienten in einem Zimmer untersucht werden.
Ein
anderer Patient, der aus einer Provinz hierher gebracht war, leidet an
Apathie. Darunter leidet vor allem seine Familie. Obwohl die Ärzte der
Auffassung sind, dass mehrere Patienten aufgrund ihres Leidens und der Überforderung
ihrer sozialen Umgebung die Voraussetzung für eine stationäre
Unterbringung in dieser Klinik erfüllen, können diese Patienten jedoch
aufgrund von Platzmangel nicht aufgenommen werden.
Worin
liegen die Ursachen solcher Erkrankungen?
Nach
Aussage von Dr. Temor Shah besitzen seelisch-psychische Erkrankungen
genetische, biologische, geistige und soziale Ursachen. In unserem Lande
beruhen ca. 30% der Erkrankungen, die sog. leichten bis mittleren
psychisch-seelischen Störungen, auf sozialen Deprivationen, Krieg und
Flucht, Verfolgung, Scheidung, Tod eines Familienmitglieds,
Arbeitslosigkeit, Stress am Arbeitsplatz, Mangel an Ernährung,
Schicksalsschlägen, wirtschaftliche Not und Konkurs. Diese können im großen
und ganzen geheilt werden.
Unter
schweren und schwersten seelisch-geistigen Erkrankungen verstehen wir jene
Erkrankungen, die aufgrund von Krankheiten der Mütter während der
Schwangerschaft, Komplikationen während der Geburt und Krankheiten im Säuglingsalter
entstanden sind. Diese Schäden, subsumiert unter die heilbaren und
chronischen Kategorien, können zwar nicht sofort geheilt werden; doch
geht es darum, diese Patienten zu befähigen, sich in der Gesellschaft
zurecht zu finden und mit ihrer Krankheit umgehen zu können.
In
Afghanistan leiden 20-30 Prozent der Menschen unter Erkrankungen, die
leicht geheilt werden, während diejenigen, die unter chronischen
Krankheitsbildern leiden, zwischen 60-80 Prozent betragen.
Eine
sehr ernstzunehmende Ursache für psychische Erkrankung mit schweren
Folgen ist der Missbrauch von Alkohol und Drogen.
Ahmadi,
ein Psychologe in der Kabuler Klinik für Psychiatrie und Neurologie ist
der Auffassung, dass ein überwiegender Teil der afghanischen Bevölkerung
unter Verhaltensweisen leidet, die mit seelisch-psychischen Störungen
vergleichbar sind. Viele Menschen sind schnell reiz- und verletzbar und
machen im alltäglichen und öffentlichen Leben im Bazar, am Arbeitsplatz
und Zuhause von aggressiven und überempfindlichen
Verhaltensmustern Gebrauch.
Krieg
und Elend, Flucht und Verfolgung, Exil und Immigration, Arbeits- und
Perspektivlosigkeit sowie diverse Demütigungen und wirtschaftliche Not
der vergangenen drei Dekaden im Lande sind noch zu gut in der Erinnerungen
der Menschen, obwohl seit kurzem das Getöse der Kriegstrommel abgeschwächt
ist.
Die
auf die oben genannten Ursachen zurückzuführenden psychischen Störungen
können durch Wiederaufbau und Stabilisierung des Landes kompensiert
werden. Ahmadi ersucht die afghanischen Staatsmänner, sich dieser
Problematik anzunehmen und z.B. durch Schaffen von Arbeitsplätzen und
gemeinnützigen Projekten die Grundlagen für die Ohnmachtsgefühle sowie
für die abweichenden Verhaltenweisen zu dämpfen und einen Beitrag zur
gegenseitigen Toleranz zu leisten.
Die
Zahl der Patienten nimmt jeden Tag zu. Unser Krankenhaus kann auf keinen
Fall der Betreuung einer so großen Anzahl von psychisch kranken Menschen
Rechnung tragen. Sinnvoll wäre die Errichtung von weiteren modern
ausgestatteten Krankenhäusern in allen Provinzen und größeren Städten
des Landes wie Mazar-i-Sharif, Herat, Kandahar und Jalalabad.
Ferner
ist der Wiederaufbau des ehemaligen Gebäudes der Uniklinik von Ibn e Sina
(Avicenna) unbedingt erforderlich, u.a. weil das Gebäude trotz der
zentralen Lage mit Grünflächen bestückt ist. Das Ali Sina –Universitäts-Gebäude
für Psychiatrie und die damit verbundenen Anlagen wären für allerlei
nicht-medikamentöse therapeutische Maßnahmen geeignet.
Dr.
Temor Schah ist der Ansicht, dass es bei psychisch bedingten Erkrankungen
nicht allein mit der Verabreichung von Antidepressiva, Neuroleptika und
Psychopharmaka getan sei, auch „wenn wir unser Möglichstes tun“. Um
die Eingliederung der Patienten in die Gesellschaft und in das
Arbeitsleben zu erreichen, benötigen wir entsprechend der Schwere ihres
Leidens abgestimmte Rehabilitationsmaßnahmen, Behandlungsmethoden und
Therapieformen“.
Ferner
sind für Menschen mit schweren psychischen Behinderungen nach dem
Krankenhausaufenthalt und der medizinischen Behandlung weitere
Institutionen erforderlich wie etwa Schulen, verschiedene Fachschulen und
Arbeitsplätze, die diese Menschen dann angemessen weiter betreuen.
Dr.
Timor Schah ist der Ansicht, dass für eine 4 Million-Stadt wie Kabul die
Errichtung eines 400-Betten-Krankenhauses für Psychiatrie und Neurologie
erforderlich ist. Ferner sollte die seelisch-psychische Gesundheit im
allgemeinen Gesundheitswesen sowie in den Beratungszentren für Familie im
Land integriert werden.
Zumindest
in 6 Zonen Afghanistans (gemeint Nord, Süd, West, Ost und Zentral und
Hauptstadt- MHS) sollten Rehabilitationszentren gebaut werden, um
psychisch kranke Menschen in Familie, Gesellschaft und Arbeitswelt zu
reintegrieren.
Afghanistan
benötigt nach Aussage von Dr. Temor Schah eine Hochschule für
Psychiatrie und Neurologie sowie ein Forschungszentrum, in denen Fachleute
ausgebildet werden, um dieser Herausforderung genüge zu tun.
Nicht
zuletzt müssen die Kompetenzen und Zuständigkeiten der staatlichen
Administration klar definiert werden, welche staatliche Behörden für
welchen gesundheitspolitischen und verwaltungsrechtlichen Bereich zuständig
sind.
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