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Die Geburt eines Kindes wird groß gefeiert. Die Größe des Freudenfestes
hängt vom Geschlecht des Kindes, von der geographischen Lage, von
ethnischer Gruppe, aber auch von der finanziellen Lage der (Groß)eltern ab.
Schon in den ersten Tagen nach der Geburt nimmt ein Mullah oder ein männlicher
Erwachsener das neu geborene Nini (Baby) mit einem Gebetsruf (Azan)
in die Gemeinschaft auf. Beginnend ins rechte Ohr spricht der Mullah das
Glaubenbekenntnis in seine beiden Ohren, jeweils drei Mal ins rechte und linke Ohr.
Die Freude über
die Geburt eines Sohnes wird in den ländlichen Gegenden Afghanistans mit sieben
Gewehrsalven Freudentanz (Dohol = Trommel mit zwei Seiten und Zornei =
Schalmei) gehören zu dieser Zeremonie.
Für Schabe Schasch (wörtlich Sechste Nacht = Namensgebung) wird ein
großes Fest veranstaltet. Haqia (Schächten von Lamm) und Namensgebung
können gemeinsam gefeiert werden. Für eine Tochter wird ein Lamm und für
einen Sohn zwei geschächtet. Hier bekommt das Baby offiziell einen Namen und
die Gäste erhalten Süßigkeiten. Für die
musikalische Untermahlung der Feierlichkeit sorgen die (Dorf)musikanten. An
diesem Tag nehmen sieben Frauen nacheinander eine Schere, um die Harre des
Neugeborenen zu schneiden. Während die Ältere unter ihnen seine Harre
tatsächlich schneidet, simulieren die
anderen sechs Frauen eine symbolische Handlung des Haarschnitts. Alle diese Frauen
wünschen dem Baby angstfreies Leben und sprechen nach einander ihre
Redeanwendungen aus z.B.:
"Du sollst keine Angst haben, wenn deine Eltern streiten. Du sollst keine
Angst haben, wenn jemand an der Tür anklopft. Es ist nur ein Gast. Du sollst keine
Angst haben, wenn es donnert, ist es lediglich Baba Ghorghori" und
ähnliche Sprüche. Sieben Knaben singen im Chor, um das Baby Mut und Tapferkeit
zu wünschen und bekommen dann in bunt gewebten Taschentüchern gewickelte
Süßigkeiten. Rezitiert werden die Verse aus dem alten Testament z.B."
Jossuf (Jossef) wurde in tiefster Brunnen geworfen, hat sich nicht
geklagt."
Verwandte und Freunde bringen der Mutter und dem Baby Roe Nomagi (hier:
das Gesicht des Neugeborenen zum ersten Mal sehen, wenn seine dünne Decke
aufgehoben wird- siehe Heirat ), in den meisten Fällen Geld, damit die
Mutter etwas für sich und ihr Kind kaufen kann. Außerdem werden so die Kosten
des Festes (Schabe Schasch) ausgeglichen, An das Festmahl nehmen nebst Famil
(Familie besteht aus vielen Generationen unter einem Dach) auch Qaum (Stamm),
Khesch (Angeheirateten) und Olos (Dorfgemeinschaft) teil. Das
Haarbund wird mit den nicht geleckten Knochen der Festmahl begraben. Hier wissen
die Gäste, daß sie das Fleisch vom Knochen nur mit den Fingern oder Besteck,
keinesfalls mit den Zähnen bzw.Mund berühren dürfen, wie sonst man so gerne die Knochen
leckt..
Trauernde besuchen die Mutter und das Kind erst nach der Vollendung des 40.
Tages der Geburt und des Todes, damit nicht der "Schatten des Unglücks" auf sie fällt.
Mutter und Kind genießen während und nach der Schwangerschaft besondere
Respekt und Ansehen. Sie werden nach der Geburt um so schonender behandelt. Die
junge Frau wird während ihrer Tschela (vierzigtägige Periode nach
der Geburt, Hochzeit oder Tod) 40 Tage lang von den Familienangehörigen als Zatscha
betrachtet und ist von allen Haus und Feldarbeiten befreit, die sonst unter
allen weiblichen Familienmitgliedern aufgeteilt werden. Solange die Mutter
stillt, genießt sie auch eine Schonungszeit. Ab dem 40. Tag werden Mutter und Kind
von der Sippschaft eingeladen. Den Anfang machen hierbei die Eltern der Mutter.
Diese Einladung heißt bei den Afghanen Tschela Goresi (Flucht von der
vierzigtägigen Periode). Eine Einladung folgt der anderen. Ich habe den
Eindruck, daß sie die meiste Zeit bei Verwandten verbringen. Hier könnte man
von einer Art
Mutterschutz oder Mutterschaftsurlaub für die afghanischen Frauen sprechen,
denn in dieser Zeit sind sie vom Haus- und Feldarbeit fast vollständig befreit.
Bei der ethnischen Gruppe der Sikhs feiert man die Namensgebung am 13.
Lebenstag des Babys und zusätzlich wird am 40. Tag noch einmal ganz groß gefeiert.
Der Geburtstag wird in Afghanistan kaum gefeiert. Bis auf einigen wenigen Ausnahmen in der
städtischen Bevölkerung ist dieser Tag in ländlichen Gegenden meist nicht
einmal genau bekannt. Angehörigen der intellektuellen Schicht notieren den
Geburtstag ihrer Kinder in einem alten Buch (z.B. am Rande von Hafis-Diwans oder
eines anderen wertvollen Buches). Die Pascha, Sayed und Mir besitzen Sajara
(Stammbaum). Ansonsten leben, leiden und sterben die Menschen, ohne einen Hauch
persönlichen Daten zu hinterlassen. Nur besondere Taten werden von der älteren
Generation weitergegeben. Es ist nicht selten, daß diese Erzählungen im Laufe
der Zeit pathetische, ja mystische Züge annehmen.
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