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Frauen in Afghanistan zwischen Tradition und
Technik
und ihre gesellschaftliche Beteiligung
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afghan-aid |
Mancherorts wird Afghanistan nicht allein wegen seiner
Frauenpolitik als eine "Steinzeitgesellschaft" bezeichnet.
Selbst eine Traditionsgesellschaft ist kein statisches,
sondern viel mehr ein dynamisches Phänomen. Und sie ist nicht wie Stein bewegungs- und
reglos, wie manche zu glauben pflegen.
In der Tat spielen Tradition und Religion in der afghanischen Gesellschaft
eine bedeutende Rolle. Die Gesellschaft ist dennoch in einem Wandel, der sich in
dem einen Bereich grundlegend und tiefgreifend vollzieht und
in einem anderen Feld langsam und im Schneckentempo eintritt.
Wandel in der Tradition und Interpretation der
Religion ist in der afghanischen Gesellschaft kein Fremdwort. Beachtliche Veränderungen fanden und finden in der
traditionellen Sicht- und Lebensweise der afghanischen Völker
statt. Beispielsweise standen die
Geistlichen in der Vorkriegszeit Afghanistans einer schulischen
Bildung der Jungen
ablehnend gegenüber, da sie noch die Ansicht vertraten,
eine schulische Weiterbildung gefährde die religiöse Einstellung
junger Menschen in den Dörfern. Die afghanischen Bauern hörten
solchen religiösen Äußerungen und lokalen Gutachten der islamischen
Würdenträger gerne zu, weil sie für die Feldbestellung und
Ernäherung ihrer mehrköpfigen Familien auf die Arbeitskraft ihrer
schulpflichtigen Kinder angewiesen waren. Weiterbildung bedeutete
für sie, dass die Kinder letztlich ihren Geburtsort verlassen und
sich in Kabul oder einer anderen Großstadt niederließen. Die Urbanisierung
konnte trotzdem nicht eingedämmt werden.
Um so überraschender waren die Äußerungen der
islamischen Würdenträger in den Jahren des Widerstands, als sie
von ihren Kanzeln aus, vor allem im pakistanischen und iranischen
Exil, sich vehement für den Schulbesuch der Mädchen und für die Einschreibung der Abiturientinnen in die afghanische Universität in
Peshawar einsetzten. Bei ihren Predigen bezogen sie sich plötzlich
auf das Heilige Buch des Islam, wonach Aneignung von Wissen und
Bildung als eine religiöse Pflicht der Gläubigen gilt. In der Tat
finden wir dort Verse, die die Wissenschaft mit "Licht"
und "Unwissenheit" mit "Dunkelheit" vergleichen.
Diese Revision in der Deutung der heiligen Versen
ist an und für sich ein positiver Wandel, der nicht unterschätzt werden
darf, wenn man bedenkt, dass im Jahre 1972 in Afghanistan landesweit
120 000 Mädchen und 590 000 Jungen zur Schule gingen, während
kurz vor dem Fall des Taliban-Regimes allein in Peshawar
Hunderttausende von Mädchen am Unterricht in einer auf Eigeninitiative der Eltern gegründeten
und kaum von der internationalen Gemeinschaft geförderten Schulen unterrichtet wurden.
Denn seit dem Niedergang der Sowjetunion nahm ständig deren finanzielle Förderungen ab. Im Jahre 2002 betrug die Zahl der Schüler und Schülerinnen in
Afghanistan 3 Mio. Im Jahre 2003 werden 3,8 Mio von insgesamt 4,5
Mio. schulpflichtigen Buben und Mädchen eingeschrieben sein und in drei Schichten
in den Ruinen der Schulgebäude und unter freien Himmel unterrichtet.
Von Natur und Menschhand verursachte Katastrophen
wie Dürre, Krieg, Zerstörung, Verminung und Unterdrückung sowie
internationale Einflussfaktoren wie die Residenz von 1200
internationalen Firmen und NGOs in Kabul trugen u.a. zur rasanten
Landflucht und Behinderung der Rückkehrer in ihre Dörfer bei, so dass Kabul
inzwischen aus allen Nähten platzt. Innerhalb von 30 Jahren
ist die Einwohnerzahl von Kabul von 250 000 auf 3 Millionen angestiegen.
So eine starke Urbanisierung und ständige Mobilität hat eigentlich die Welt nach dem zweiten Weltkrieg nicht gekannt. Dies alles geschieht trotz Tradition und Religion.
Innerhalb von zwei Dekaden mussten Afghanen eine Reihe von
blitzartigen Intermezzi und für die Mehrheit der Einwohner
inakzeptablen Paradigmenwechsel miterleben, die von der jeweiligen
herrschenden Klasse indoktriniert und über die Köpfe der
Menschen herbeigezwungen wurden. Dabei hat die politische Klasse sich nicht gescheut, Tod und Ermordung auch von zahlreichen intelligenten und
aufgeklärten Menschen und Experten in Kauf zu nehmen, die
derzeit auch beim
Aufbau, bei der Entwicklung und Wiederherstellung des Landes gut hätten eingesetzt werden können.
Diese tragischen Zwischenspiele besaßen wegen ihrer extremen und
extremistischen Haltung und Handlung und aufgrund ihrer
Segregationspolitik gewisse Affinitäten miteinander. Aus ihnen
sind durchaus Lehren für die Zukunft zu ziehen. Diese Lehren
können paradigmatisch für den künftigen Entwicklungsprozess des
Landes dienlich sein. Fortschritt und Entwicklung des Landes können
kaum in Gang gesetzt, ihre Ergebnisse und Errungenschaften nicht
gesichert und weiterentwickelt werden, wenn die Teilhabe und
Teilnahme der im Land lebenden Menschen nicht maximiert wird. Dies sehen mittlerweile die afghanischen Politiker,
die für den Vielvölkerstaat
Verantwortung übernehmen, zwar ein, wenn
sie bei ihren Erklärungen stets betonen, dass sich alle nationalen und
gesellschaftlichen Formationen in Afghanistan am
Wiederaufbau beteiligen sollten. Nur so wird es gelingen, die ruinierte Wirtschaft
wieder aufzubauen und die
zusammengebrochenen Sozialstrukturen wiederzubeleben. Aber sie stehen
vor dem enormen Dilemma, wie sie die Hälfte der Bevölkerung in
diesen
Prozess einbinden und ihre öffentliche Ausgrenzung überwinden
können.
Statistisch gesehen dürfte die Anzahl der
afghanischen Frauen angestiegen sein, wenn man bedenkt, dass viele
Männer ihr Leben in Kampf, Krieg und Konflikten der letzten beiden
Jahrzehnten verloren haben. Dank der Tradition in der afghanischen
Gesellschaft sind die Frauen zwar überwiegend vom direkten
Waffengebrauch verschont geblieben, jedoch litten sie unter den
Folgen des Krieges, der bewaffneten Auseinandersetzungen, der
Bombardierungen und Verminungen genauso wie ihre männlichen Altersgenossen. Ebenso warfen Unterdrückung und Elend, Invasion
und Diktatur sowie soziale Ungerechtigkeit ihre Schatten auf das
gesamtgesellschaftliche Leben des Landes.
Es gibt eine Reihe von Faktoren, die dafür
verantwortlich sind, warum afghanische Frauen sich nicht zutrauen, in
der Öffentlichkeit offensiv aufzutreten und ihre Kenntnisse und
Kompetenzen im Berufsleben und in der Arbeitswelt einzusetzen.
Die vor über zwei Jahrzehnten begonnenen
bewaffneten Auseinandersetzungen haben den Entwicklungsprozess des
Landes in hohem Maße verzögert, wenn nicht gar gestoppt. Auch
die Gründe sollten nicht unerwähnt bleiben, die schließlich zu
den kriegerischen Konfrontationen führten, von deren verheerenden Folgen sich das Land
noch lange nicht wird erholen können.
Weder Frauen noch Männer konnten in Studium und
Beruf von den weltweiten technischen und
wissenschaftlichen (Er)kenntnissen profitieren. Wegen der herrschenden
düsteren Atmosphäre war selbst eine normale Lebensführung nicht bei
allen gesellschaftlichen Schichten möglich. Bei den Frauen kam
noch hinzu, dass sie in den letzten Jahren des vorigen Millenniums
und der Jahrhundertwende aufgrund der praktizierten Intoleranz und
des herrschenden Totalitarismus sowohl von der Elementarbildung als auch von der höheren Ausbildung kategorisch ausgeschlossen waren.
Die afghanische Frau ist die sinnbildliche
Verkörperung von zwei extremen Haltungen: Übertreibung und
Untertreibung bestimmen das Verhalten der heutigen afghanischen
Frau. Diese ambivalente Haltung erlebt sie tagtäglich am eignen
Leibe. Selbst Frauen, die sich modern kleiden und die Filmdiven von Hollywood und Bollywood nachahmen, dürfen ohne
Tschaderi (Ganzkörperschleier) und alleine nicht das Haus
verlassen. Es sind nicht die Fremden und staatliche Organe, die es ihr verbieten. Es sind nicht nur die Männer ohne Ausbildung,
sondern auch die studierten und hochqualifizierten Männer, die noch
an dieser Haltung festhalten. Und solange die Frauen nicht
ernstgenommen werden, können sie ihre Stellung in der Gesellschaft
nicht finden, geschweige denn an der Gesellschaft aktiv
teilzunehmen.
Auch die internationale Gemeinschaft nimmt die
afghanischen Frauen nicht ernst. Sie verlangt von der afghanischen Frau, sich zu
ändern anstatt sie so zu akzeptieren, wie sie ist. Die afghanische
Gesellschaft besitzt traditionelle und religiöse Werte, in deren
Rahmen sich die afghanischen Frauen gut entfalten können. Die islamische Religion
gesteht den Frauen einige Rechte zu. Auf dieser Grundlage
haben es die Frauen leichter, sich in Arbeitswelt und Berufsleben zu
behaupten. Auch die Tradition des Landes erlaubt es afghanischen
Frauen, in der Öffentlichkeit dieselben Arbeiten wie die Männer zu leisten. In
vielen Teilen des Landes arbeiten Frauen in der Landwirtschaft,
auf manchen Feldern arbeiten ausschließlich die Frauen.
Afghanische Frauen sind durchaus fähig, auch
in anderen Bereichen wie in Politik, Wirtschaft, Kultur und
Industrie ihre Kompetenzen einzusetzen und an dem gesellschaftlichen
und sozialen Leben aktiv teilzunehmen und einen Beitrag zur
Entwicklung des Landes zu leisten.
Die Leistungen jener Mütter sind zu würdigen, die ohne Ausbildung und trotz Mangels an einer höheren Ausbildung
das Weiterstudium ihrer Söhne unter finanziellen und sozialen
Engpässen ermöglichten, die in verschienenen
entwicklungspolitischen Branchen des Landes arbeiten und den
Lebensunterhalt der Eltern im Rentenalter sichern. Die Männer
spielen eine wesentliche Rolle in der Gesellschaft. Die Bedeutung
von Ausbildung und Studium kann nicht nur deswegen nicht genug
unterstrichen werden; die Erfahrungen zeigen, dass je größer das
Bildungsniveau der Männer ist, desto vorteilhafter wäre dies für
die afghanische Frau. Denn die aufgeklärten Männer sind eher
fähig, sich in die Lage der Frau einzufühlen, sie ernst zu nehmen
und sich ihr gegenüber angemessen zu verhalten, wie es sich für
eine zivilisierte Gemeinschaft ziemt.
Das Tragen und Nichttragen von "Tschaderi" oder Burka
(Ganzkörperschleier) sind nicht die eigentlichen Probleme der
afghanischen Frau, warum ihr Antlitz nur zögernd und selten zum
Vorschein kommt.. Zunächst müssen einige Sicherheitsmaßregel
wiederbelebt werden. Ein modernes Erscheinungsbild ist in
unserer Gesellschaft nichts Neues. Selbst in den Jahren des
Widerstandskampfes vollzog sich bei afghanischen Männern eine
Verhaltensänderung, was den Gebrauch von modernen technischen
Geräten des Westen wie Mobiltelephon, Videokassetten, Fernsehen
usw. anbetrifft. Daher ist ein weiteres Umdenken nicht
ausgeschlossen, dass die afghanischen Männer auch ihr Verhalten
gegenüber der Frau ändern.
Für diese Verhaltensänderung sind einige
Voraussetzungen zu erfüllen. An oberster Stelle steht nach wie
vor die Sicherheit und Stabilität des Landes. Denn Krieg und
bewaffnete Auseinandersetzungen mit ihren eigentümlichen
Gesetzmäßigkeiten begünstigen die Handlungen, in denen vor allem
die Frauen in verschiedenen Formen erniedrigt und gedemütigt
werden.
Schutz der Ehe, Familie und Würde der Frauen sind
ausdrücklich in dem heiligen Buch und in den Direktiven unserer
Tradition und Kultur verankert. Sie gestehen der Frau Rechte und
Pflichten zu. Eine Rückbesinnung auf diese Werte ist dringend
erforderlich, auf deren Säulen ein landesweites Ordnungssystem
aufgebaut werden kann. Dann ist die gesellschaftliche Beteiligung
der Frauen nur noch eine Frage der Zeit.
Solange die Waffen sprechen und Krieg als Mittel der Politik
Hochkonjunktur hat, scheint die Entwaffnung der Kriegsherren
problematisch zu sein. Diese Entwaffnung ist vor allem für die
Herstellung der Sicherheit notwendig. Ohne sie fühlen sich die
Frauen auch in Zukunft nicht sicher, allein auf die Straße zu gehen, mit oder ohne
Schleier.
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