Ist das Konzept des afghanischen Erziehungsministeriums ein Paradigmenwechsel in der Bildungspolitik?  

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Allein der Einsatz für den Aufbau der demokratischen Strukturen bedeutet einen gewissen Paradigmenwechsel. Seit die neue Übergangsregierung ihre Arbeit aufnahm, bestehen Hoffnung und optimistische Perspektiven auf die Entwicklung und Wiederherstellung eines wissenschaftlich orientierten und praktisch einzusetzenden Erziehungssystems. Auch wenn sich Staat und Gesellschaft nicht mehr diametral gegenüberstehen, sind ihre Aufgaben im Augenblick immens groß.

Die Übergangsmacht sieht sich bei der allgemeinen Wiederbelebung des Landes mit zahlreichen Hindernissen, Barrieren und enormen Schwierig­keiten konfrontiert. Die bevorstehenden allgemeinen Wahlen im Jahre 2004, die Ratifizierung einer demokratischen Verfassung und die Errich­tung demokratischer Strukturen erhöhen zweifelsohne die Motive und Beweggründe der Bevölkerung zum Wiederaufbau des Landes. Mit legitimistischer Kraft, Energie und dem gezielten Einsatz von Maßnahmen werden es Staat und Gesellschaft leichter haben, komplexe und komplizierte Grundprobleme des Wiederaufbaus zu überwinden.

Dabei spielen Erziehung, Bildung und die Pädagogik eine zentrale Rolle in ihrer Erscheinungsform als Zustand, aber auch als Prozess der lebenslangen Entwicklung, Sozialisation, Personalisation und Enkulturation der Men­schen. Erhalt der Entwicklung und Qualitätssicherung des erneuten Wiederaufbaus scheinen eine der schwierigsten Aufgaben zu sein. Schutz, Er­halt und Weiterentwicklung der sozialen, gesellschaftlichen, materiellen, technischen und ethischen Werte und Kulturgüter der Gesellschaft können nur von den mündigen und verantwortungsbewussten Bürgern gewährlei­stet werden. Erziehung und Bildung sind vor allem deshalb ausschlaggebend, weil sie die Substanz und das Wesen der sozialen, gesellschaftlichen und technischen Entwicklung sind. Sie und ihre organisierten Formen, z.B. Schulen und Hochschulen, haben die Aufgabe, die kulturellen, wirtschaftli­chen und sozialen Reichtümer der Gesellschaft, ja überhaupt die Gesell­schaft als solche zu erhalten und zu entwickeln. Alle erdenklichen Berufe werden von Pädagogen weitergegeben bzw. gelehrt. Nur mittels der Erziehung werden Kinder unterstützt, selbständig zu werden, Verantwortung für sich, für die Gesellschaft, gegenüber einer höheren sittlichen Instanz und schließlich Verantwortung für die nächste jüngere Generation zu überneh­men. Die Vermittlung der Verantwortung für die nächste junge Generation liegt im Bereich der Pädagogen. Sie ist aber zeitlich begrenzt, denn Sinn und Zweck der Erziehung besteht darin, dass der Erzieher sich gegenüber dem Erziehenden überflüssig macht.

Der Wiederaufbau bedarf ebenso einer längerfristigen Anstrengung, harter Arbeit und finanzieller Sponsoren. Der Zustand scheint sich in einigen Jah­ren ändern zu können, was Auf- und Ausbau der Gebäude, die Beschaffung von Lern- und Lehrmaterial, die Einrichtung und Ausstattung von Labors und Institutionen betreffen. Auch diese materielle Seite ist selbstverständ­lich ein kompliziertes, großes Unterfangen und Wagnis, das den Staat und die Gesellschaft herausfordern. Doch jeder erdenkliche kleinste Schritt zur positiven Entwicklung ist Salbe auf den zahlreichen politischen und per­sönlichen Wunden und Traumata eines Volkes und seiner Kinder. Noch komplizierter scheint die Wiederherstellung der ideellen, personellen und sozialen Aspekte, etwa der Auf- und Neubau der Organe und Institutionen im Bildungsbereich, die Sanierung der Sozialstrukturen sowie der Werte- und Normsysteme zu sein. Allein die Entwicklung und Harmonisierung eines auf den Vielvölkerstaat und auf die geographisch unterschiedlichen klimatischen Bedingungen abgestimmten Curriculums, das sowohl die ka­tegoriale Bildung als auch den anschaulichen Unterricht, das exemplarische Lehren und Lernen beinhaltet, sind keine leichten Aufgaben. Curricula sind nicht bloße Instrumente zum Festsetzen der Qualifikationen, zum Ordnen ihrer Lehr- und Lerninhalte und Vermitteln ihrer Methoden, sondern auch Grundlagen der didaktischen Vorgehensweisen. Sie setzen die Lehr- und Lernziele und kontrollieren diese. Danach orientieren sich die jungen Men­schen im späteren Leben. Konzepte des Curriculums sind nicht statische Phänomene, die für alle Zeiten ihre Gültigkeit besitzen, sondern sie sind dynamische Erscheinungsprozesse. Die Geschichte europäischer Curricula zeigt, daß sie durch Reformen zeitgemäß modifiziert werden. Sie sind Gestaltungsmethoden, Vorgehens- und Verfahrensweisen von Lernprozessen und Lern- und Lehrzielen, die die „Soll-Bildung“ im Augenblick antizipieren. Kategorial orientierte Lehrpläne und exemplarische Unterrichtsmethoden können sich gegenseitig ergänzen. Das afghanische Curriculum sollte auch die Grundfachrichtungen der Allgemeinbildung (sittlich-ethische, re­ligiöse, soziale, ästhetisch-musische, sprachlich-literarische, historisch-po­litische, philosophische, wirtschaftlich-ökonomische, biologische, körperli­che und handwerklich-technische Bildung) berücksichtigen. Kooperatives Denken und Lernen in der Gruppe sind genauso wichtig wie Einzelarbeit. Das Curriculum hilft dem Kinde, sich auch in der Gesellschaft zurecht zu finden. Das Curriculum geht altersentsprechend von bekannten zu unbe­kannten, von einfachen zu komplizierten und schließlich von allgemein-elementaren zu fachlichen Erkenntnissen vor. Kein Kind sollte von diesem Prozess der harmonischen „Hand-Kopf-Herz-Erziehung“, wie Pestalozzi in seinen Anschauungen forderte, ausgeschlossen sein. Hand als Symbol für motorisch-technische Entwicklung, Kopf als Symbol für die kognitive Entwicklung und Herz als Symbol für die sittlich-ethische Entwicklung des jungen Menschen.

Die Entwicklung einer Didaktik, die Ausbildung und Professionalisierung der Lehrkräfte sind weitere Herausforderungen, die eines langwierigen und langatmigen Prozesses bedürfen. Hier sind Visionen und Versionen, Dis­kussionen und Ideen, Konzepte und Konsense, Ansätze und Methoden er­forderlich, und das hängt nicht nur von finanziellen Mitteln, guten Willen und harter Arbeit ab.

Afghanistan benötigt nicht nur den Wiederaufbau des Schul- und Bildungs­systems, sondern auch die Errichtung bzw. Neustrukturierung von famili­enfördernden Hilfesystemen. Nur so können gezielte Entwicklungsförde­rungen ihrer Kinder während der Säuglings- und Kleinkinderzeit geleistet werden. Der Aufbau und die Entwicklung der pädagogischen und sozialen Institutionen hängen nicht von pädagogisch-wissenschaftlichen Erkenntnis­sen ab. Daher sollte die Wiederherstellung der politischen, wirtschaftlichen und sozialen Systeme mit dem Wiederaufbau des Bildungswesens einher­gehen. Ohne die Entwicklung in diesen Bereichen können auch bewährte pädagogische Konzepte, didaktische Methoden und wissenschaftliche Er­kenntnisse nicht in die Tat umgesetzt werden.

Die Fortschritte, die im Jahre 2002 festzustellen sind, gehen auf folgende Fakten zurück, die über die allgemeinen Erwartungen hinausgehen:

  1. Das Ministerium für Erziehung hat bereits im August 2002 einen Ent­wurf zum Wiederaufbau des Bildungswesens veröffentlicht. Das Konzept soll kurz vorgestellt werden.

  2. Die Einschulung von Kindern erfolgte trotz der Schwierigkeiten relativ gut. Die Vorbereitungsschulen zur Überwindung der Schuldefizite von Mädchen und weiblichen Heranwachsenden öffneten ihre Tore bereits vor dem offiziellen Tag des Schulanfangs, der in Afghanistan traditi­onsgemäß am Frühlingsanfang liegt.

  3. Kinder gehen trotz der Kälte zur Schule und sitzen auf dem nackten Bo­den und lernen. Dies zeigt, wie motiviert die Kinder sind.

  4. Die positive Einstellung der Eltern bezüglich der schulischen Bildung ihrer Kinder trägt zu deren Motivation bei.

  5. Die Lehrer unterrichten weiter, auch wenn sie wochenlang auf ihre Ver­gütung warten müssen.

  6. Private Initiativen waren und sind groß.

  7. Dank Improvisationen und Ideenreichtum konnten 3 Mio. von 4,5 Mio. Kindern eingeschult werden. Selbst in den renovierungsbedürftigen Ge­bäuden wurden Kinder in drei Schichten unterrichtet (vormittags, nachmittags und in den Abendstunden).

Dieses Bild zeigt noch einmal deutlich die Bereitschaft der Eltern und Mo­tivation der Kinder im Jahre 2002 im Vergleich zu 1972.

Bereits während der Soziabilisierungsphase , aber auch während der primä­ren Sozialisierungszeit benötigen die Familien für die Erziehung ihrer Kin­der gezielte Entwicklungsförderung. Die ersten sechs Lebensjahre des Kin­des sind für seine weitere Entwicklung und schulische Bildung sehr prä­gend. Hier werden die Grundsteine für die körperliche, kognitive, soziale, emotionale, psychische und sprachliche Entwicklung (ganzheitliche Erzie­hung) gelegt. Zwar können die afghanischen Kinder diese für die sekundäre Sozialisation wichtigen Voraussetzungen u.a. in der Peer Group mit ande­ren Altersgenossen lernen. Doch die Entwicklungsvalenz wird mehr stei­gen, sobald ein Erwachsener sich gezielt für das Entwicklungsgeschehen und in die Förderung einsetzt. Da sind vorschulische Hilfestellungen zur Selbständigkeit, wie z.B. Kindergärten zu nennen. Hier werden Kindern Fähigkeiten und Fertigkeiten lernen, die für die Aneignung des schulischen Unterrichts unabdingbar sind. Auch diese Institutionen sollten nicht in­strumentalisiert werden, sondern das Wohl des Kindes in den Vordergrund rücken.

Der Wiederaufbau im schulischen Bereich impliziert nicht, daß der vor­schulische Bereich vernachlässigt werden muss. Zur Förderung der Kinder in dieser Phase des Lebens, die ebenso wie alle anderen Lebensphasen des Menschen wichtig und gleichwertig ist, sollten durchaus die pädagogischen Konzepte und bewährten Methoden anderer Länder für die Gestaltung der Erziehung übernommen werden, vorausgesetzt diese Übernahme geschieht nicht epigonenhaft, sondern angepasst an die Verhältnisse und Erforder­nisse des Landes und wird mit den wertvollen und reichhaltigen traditio­nellen Ressourcen aus unserem Lande in Einklang gebracht. Die Schätze der Kulturgeschichte des Landes bieten zahlreiche Quellen, Ansätze und Überlieferungen, die für die „proportionale und harmonische Entwicklung aller Fähigkeiten und Fertigkeiten des Kindes“ – wie Immanuel Kant in seiner ersten Vorlesung der Pädagogik postulierte –, sowohl in der Soziabilisierungsphase wie auch in der primären und sekundären Sozialisation effektiv eingesetzt werden können. Die afghanischen Kinderlieder, Rätsel, Märchen und Gedichte, Kinderspiele, traditionelles Spielzeug und nicht zuletzt die traditionellen Musikinstrumente sind solche Mittel und Mög­lichkeiten. In den tradierten Spielen der Kinder sind mannigfaltige Impulse und Antriebe für die Entwicklung aller Fähigkeiten und Fertigkeiten vor­handen. Mit dem Einsatz dieser Kulturgüter bei der Entwicklungsförderung und Freizeitgestaltung trägt die ästhetische Erziehung dem pädagogischen Postulat Rechnung, wenn die traditionellen Erziehungsmittel zeitgemäß leicht modifiziert werden. Die holz-, papier- und metallverarbeitenden In­dustriezweige können davon profitieren und somit den neuen Zweigen der gesamten Wirtschaft Afghanistans förderlich sein. Diese Kulturgüter haben nicht nur eine größere Wirkung zur nationalen Identifizierung für afghani­sche Kinder, sondern sie bieten eine Menge pädagogischer Hilfestellungen zur ganzheitlichen Entwicklung. Es gibt eine Vielzahl von traditionellen Kinderliedern und -gedichten, die die musikalischen Fähigkeiten der Kin­der fördern und verfeinern können. Selbstverständlich dürfen, können und sollen auch die afghanischen Kinder die Kinderspiele aus anderen Ländern spielen, und die Pädagogen sollten sich kritisch über traditionelle und mo­derne Spiele äußern, vorausgesetzt, es entstehen keine Vorurteile bzw. Missachtungen der eigenen und der fremden Kultur. Kinderspiel ist nicht nur ein Bestandteil der Kultur und Tradition, sondern es spiegelt die Kultur und Gesellschaft schlechthin wider. Es ist ein Beschützer und Bewahrer der afghanischen Kultur. Es besitzt eine kathartische, also befreiende und rei­nigende Funktion. Daher ist Spiel auch gut in den Feldern zur Verarbeitung von Entwicklungsstörungen einzusetzen. Im Spiel können Kinder ihre Kon­flikte und negativen Erfahrungen verarbeiten und ausgleichen.

Die intentionale Gestaltung der Freizeit der Kinder und Jugendlichen mit Spiel, Sport und Musik als „Tertiäre Pädagogik“ erfüllt folgende Aufgaben:

  •       Spiel muss in Afghanistan rehabilitiert werden. Spiel muss bis zur Ein­schulung abermals die „Arbeit“ des Kindes sein. Säuglinge und Klein­kinder lernen im Spiel motorische und geistige Fähigkeiten, die Voraus­setzungen für schulische Bildung wie Lernen der Kulturtechniken sind. Sie begreifen leichter, wenn sie mit ihren Händen die Gegenstände greifen.

  •       Allgemein können freizeitpädagogische Maßnahmen für die Kinder und Jugendlichen ganz einfach Erholung bedeuten, und sie werden in einer freieren und geschützten Atmosphäre durch Spielen, Sport, Malen und Musizieren Erfahrungen mit ihrem Körper und Geist machen, anderer­seits können sie ihre traumatischen und tragischen Erlebnisse, die sie während Krieg und Flucht erlebten, in der Gemeinschaft unter der Mo­deration pädagogisch ausgebildeter und geschulter Fachleute verarbei­ten.

  •       Es werden in Afghanistan verstärkt sozial nicht-akzeptable Verhaltens­weisen beobachtet, die insbesondere in der gruppendynamischen Kom­munikation und im aggressiven Verhaltensmuster erscheinen. Abwei­chende Verhaltensweisen, die aufgrund des Jugendalters vorkamen, und damit einhergehende Konflikt-, Identifikations- und Pubertätskrisen to­lerierte die afghanische Gesellschaft weitgehend, und die Mitmenschen kompensierten sie mit humorvollen Bemerkungen etwa mit „jawan shoda“ (er ist herangewachsen). Aber die Aggressionen und Gewaltfor­men, die in der letzten Zeit zu beobachten sind, stehen in direktem Zu­sammenhang mit den Schäden, die der Krieg und die wirtschaftliche Not verursachten. Fachleute bestätigten diese Tendenz in ihren Reisebe­richten über Afghanistan.

  •       Durch Veranstaltungen spielerischer und sportlicher Art wird es den Kindern und Jugendlichen ermöglicht, Modalitäten sozial akzeptabler Mittel und Methoden der Kommunikation, pro-soziales Verhalten und Linderung ihrer Ängste zu lernen. Aggressionen haben oft mit Ängsten, mit Isolation, mit Verlust von Anerkennung sowie mit Gefühlen des Nicht-Anerkannt-Seins zu tun.

Vor der Machtübernahme der Volksdemokratischen Partei im Jahre 1978 spielte die afghanische Pfadfinder-Organisation „De Afghanistan Zarandoi Tolana“ eine bedeutende Rolle bei der Freizeitgestaltung der afghanischen Kinder und Jugendlichen. Die Organisation hat eine Reihe von Kulturgüter des Landes im Bereich des Spiels und der Musik verfeinert. Ihr Wiederauf­bau kann die Not lindern. Aber allein reicht die Pfadfinder-Organisation nicht aus. Die Konzipierung eines staatlichen Kinder- und Jugendhilfesy­stems sowie die Errichtung von Kindergärten und Freizeitzentren kann dazu beitragen, Kindern beim selbständigen Denken und Handeln zu unter­stützen. Das Repertoire der staatlichen Kinderförderungseinrichtungen sollte vielfältig sein, der Stil sollte nicht eine uniformierte und isolierte Form haben. Dabei sollten von Anfang an friedenserzieherische Maßnah­men Anwendung finden.

Die Friedenspädagogik oder Pädagogik zum Frieden, welche für Afghani­stan zu konzipieren ist, kann nicht mit Vorlesungen hervorragender Texte von Friedens- und Konfliktforschern bei den Kindern und Jugendlichen fruchten. Es ist sinnvoll, wenn friedenserzieherische Unterstützungsmaß­nahmen intrakulturelle, interkulturelle und umweltfreundliche Aspekte be­inhalten. Für Frieden im intrakulturellen Bereich sollten Konzepte ent­wickelt werden, die Solidarität und Zusammengehörigkeitsgefühl unter af­ghanischen Kindern und Jugendlichen aus verschiedenen Völkern fördern. Für diese Konzepte stehen wiederum reichhaltige Instrumente aus dem 3000-jährigen traditionellen Wertesystem des Landes zur Verfügung, wie etwa das Pflanzen von Bäumen zum Frühlingsanfang beim Nauroz-Fest (Neujahr), das Gastrecht und nicht zuletzt die islamischen Feste und Ge­bote, die eigentlich zur Versöhnung und Toleranz beitragen. Friedenspäd­agogische Handlungen sind ohne intrapsychische Stärkung der Kinder nicht möglich.

Was die Erziehung und Pädagogik anbelangt, können folgende Aspekte beim Aufbau des Erziehungs-, Schul- und Bildungswesens mitberücksichtigt werden:

  • Erziehung und damit Pädagogik handelt in erster Linie „um des jun­gen Menschen willen“. Die Kinder sind eigentlich die Kunden. Kinder, die selber Achtung und Respekt, Liebe und Schutz, Geduld und wohlwollende Kommunikation erfahren haben, gehen so auch mit anderen Kindern um. Irreversible Verhaltensweisen sollten verringert werden.

  • Nicht nur die kognitiven Dimensionen wie Wissen, Fertigkeiten und Mittelbeherrschung sollten hoch geschätzt und bewertet sein. Auswendiglernen ist zwar ein Bestandteil des afghanischen Curriculums und ohne dies könnte die afghanische Schulbildung nicht auskommen. Doch sollte es das Ziel sein, Auswendiglernen zu minimieren und Wissensvermittlung durch Veranschaulichung, interessestiftende Unterrichtsgestaltung und Teamarbeit zu maximieren.

  • Jede Erziehung benötigt einen gewissen religiös-moralischen und ethischen Part. Die Erziehung in Afghanistan ist bereits religiös determiniert. Daher sind für Kinder allgemein verständliche Texte aus dem heiligen Buch des Islam zu entwickeln, die ihnen dazu verhel­fen, Ehrfurcht vor Gott, seiner Schöpfung, Menschen, Tieren, Pflanzen und Gegenständen zu entwickeln. Die 10 Prozent schulpflichtige Kinder, die laut Konzept des afghanischen Erziehungsministeriums in islamischen Schulen unterrichtet werden, können später als islami­sche Würdenträger in Moscheen und religiösen Institutionen große Dienste leisten, wenn sie die Staatsbildung in ihrem Säkularisierungsprozess und bei der sich organisierenden Ämterbildung unterstützen. Da die Toleranz von der Gleichwertigkeit und Gleichbe­rechtigung aller Religionen ausgeht, sind bei der religiösen Erziehung altersentsprechende Texte und Interpretationen der Worte des islamischen Propheten und seine tolerante Haltung und Tugenden sowie Texte aus anderen Religionen in den Unterricht einzubeziehen, was bislang von den islamischen Fundamentalisten absichtlich igno­riert wurde. Nicht nur der Schullehrplan sollte Toleranz und Frieden fördernde Texte enthalten, sondern bereits in den Kindergärten kön­nen entsprechend dem Entwicklungsstand der Kinder Lieder und Gedichte angeboten werden. Religiöse Gebete und Lieder nicht nur vor und nach den Mahlzeiten, bei Festen und Veranstaltungen ver­stärken ohne weiteres nicht nur das Zusammengehörigkeitsgefühl der Kinder und ihren Sinn für Gemeinschaft, sondern entfalten auch ih­ren Respekt gegenüber Gott, gegenüber den Menschen und Gegen­ständen. Diese Ehrfurcht sollte nicht mit dem Erwecken von Angstgefühlen erzeugt werden.

  • Da die Erziehung und Schulbildung in Afghanistan geschlechtsspezi­fisch determiniert und nach den Modalitäten des tradierten Rollenunterschieds bedingt ist, ist selbst eine gewisse in vergangener Zeit praktizierte Koedukation in den Grundschulen vorerst wahr­scheinlich nicht mehr möglich. Dazu kommt die Tatsache, dass die Mädchen fast sechs Jahre von der schulischen Bildung ausgeschlos­sen waren.

Auch nach 23-jähriger negativer Erfahrung von Invasion, militärischer Auseinandersetzung sowie von Flucht und Verfolgung sind durchaus Chancen für den Neuanfang gegeben. Der Neuanfang ist mit großen Hoff­nungen verbunden. Diese Hoffnungen sind für das Land und seine Bevöl­kerung auch im Bildungswesen produktiv und konstruktiv, dessen Wi­deraufbau eine große Herausforderung darstellt.

Der Aufbau des Bildungswesens hängt wiederum mit verschiedenen Fakto­ren zusammen. Auch diese Aufgabe ist immens groß, so dass sie zwar eines langfristigen, auf die Zukunft ausgerichteten und pädagogisch orientierten Programms und Planes bedarf, zum anderen sind kurzfristige bzw. mittel­fristige Projekte erforderlich, um die etwa bei Kindern und Jugendlichen und insbesondere bei Mädchen entstandenen Unterrichtslücken zu kompen­sieren. Für Mädchen und für einen Teil der Flüchtlingskinder, die von der schulischen und beruflichen Bildung ausgeschlossen waren oder wegen der Flucht keine Möglichkeit hatten, am Unterricht teilzunehmen, sind Sonder­programme zu konzipieren.


Die Voraussetzungen für einen Neuanfang und Wiederaufbau in Afghani­stan sind günstiger denn je:

  • Afghanische Kinder – wie alle Kinder – wollen selber lernen und ihre Bereitschaft, am schulischen Unterricht teilzunehmen, ist groß.

  • Eine Vielzahl der Eltern legt besonderen Wert auf diese Bildung. Seit den 70er Jahren nahm der Widerstand der Eltern gegen die Schulbil­dung permanent ab.

  •  Auch die negativen Erfahrungen der Flucht und des Exils innerhalb und außerhalb Afghanistans bewirkten etwas Positives für Kinder. Mütter ergriffen selbst die Initiative und gründeten Grundschulen und die af­ghanischen Lehrerinnen, die in Pakistan und Iran Zuflucht suchten, un­terrichteten ohne Bezahlung. Die internationalen Hilfsorganisationen und insbesondere die UNO bauten Zeltschulen in Flüchtlingslager. Ins­besondere ein Teil der etwa 250.000 im amerikanischen und europäi­schen Ausland lebenden afghanischen Flüchtlinge legte großen Wert auf die Schulbildung ihrer minderjährigen Verwandten. Mit deren finan­ziellen Zuwendungen konnten der Lebensunterhalt und die Schulgebüh­ren für Flüchtlingskinder in Pakistan und Iran übernommen werden.

  • Durch äußere Einflüsse ist das Zusammengehörigkeitsgefühl – abgese­hen von einer nationalistischen Tendenz – gewachsen und verstärkt. Flüchtlinge wurden über ihre ethnischen und sprachlichen Schranken alle ausnahmslos als „Afghanen“ bezeichnet.

  • Paschtunen und andere ethnische Gruppen, die im iranischen Exil leb­ten, lernten Farsi bzw. Dari, und umgekehrt lernten die anderen in Paki­stan die Sprache Paschto. Selbst das Paschto-Institut – Paschto-Tolana – kam im Laufe seines jahrzehntelangen Bestehens nicht zu einem solchen Ergebnis.

  • Und schließlich stehen viele Staaten der Welt Afghanistan beim Wiederaufbau zur Seite. Laut Bundesaußenminister sollen zum Beispiel 4 Mio. € für die Wiederherrichtung der Amani-Oberrealschule und der Jamhuriat-Schule für Mädchen eingesetzt werden.

Auch die besten erziehungswissenschaftlich relevanten Konzepte können ohne den Wiederaufbau ökonomischer und sozialer Strukturen nicht reali­siert werden. Umgekehrt können Wiederaufbau und Aufbaumaßnahmen ohne Qualifizierung und Professionalisierung der afghanischen Kinder in Zukunft nicht fortbestehen. Allein die rasche Verfassung des Wiederauf­bau-Konzepts zeigt, wie die afghanische Übergangsregierung dem Bil­dungswesen eine große Bedeutung zumisst.  

Dr. Mir Hafizuddin Sadri

in: Afghanistan - Hoffnung und Perspektiven. Jahrbuch 2002, IKO-Verlag 2003

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