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Ist
das Konzept des afghanischen Erziehungsministeriums ein Paradigmenwechsel in der Bildungspolitik?
Allein der Einsatz für den Aufbau der demokratischen Strukturen
bedeutet einen gewissen Paradigmenwechsel. Seit die neue Übergangsregierung
ihre Arbeit aufnahm, bestehen Hoffnung und optimistische Perspektiven auf die
Entwicklung und Wiederherstellung eines wissenschaftlich orientierten und
praktisch einzusetzenden Erziehungssystems. Auch wenn sich Staat und
Gesellschaft nicht mehr diametral gegenüberstehen, sind ihre Aufgaben im
Augenblick immens groß. Die Übergangsmacht sieht sich bei der allgemeinen Wiederbelebung des
Landes mit zahlreichen Hindernissen, Barrieren und enormen Schwierigkeiten
konfrontiert. Die bevorstehenden allgemeinen Wahlen im Jahre 2004, die
Ratifizierung einer demokratischen Verfassung und die Errichtung
demokratischer Strukturen erhöhen zweifelsohne die Motive und Beweggründe
der Bevölkerung zum Wiederaufbau des Landes. Mit legitimistischer Kraft,
Energie und dem gezielten Einsatz von Maßnahmen werden es Staat und
Gesellschaft leichter haben, komplexe und komplizierte Grundprobleme des
Wiederaufbaus zu überwinden. Dabei spielen Erziehung, Bildung und die Pädagogik eine zentrale Rolle
in ihrer Erscheinungsform als Zustand, aber auch als Prozess der lebenslangen
Entwicklung, Sozialisation, Personalisation und Enkulturation der Menschen.
Erhalt der Entwicklung und Qualitätssicherung des erneuten Wiederaufbaus
scheinen eine der schwierigsten Aufgaben zu sein. Schutz, Erhalt und
Weiterentwicklung der sozialen, gesellschaftlichen, materiellen, technischen und
ethischen Werte und Kulturgüter der Gesellschaft können nur von den mündigen
und verantwortungsbewussten Bürgern gewährleistet werden. Erziehung und
Bildung sind vor allem deshalb ausschlaggebend, weil sie die Substanz und das
Wesen der sozialen, gesellschaftlichen und technischen Entwicklung sind. Sie und
ihre organisierten Formen, z.B. Schulen und Hochschulen, haben die Aufgabe, die
kulturellen, wirtschaftlichen und sozialen Reichtümer der Gesellschaft, ja überhaupt
die Gesellschaft als solche zu erhalten und zu entwickeln. Alle erdenklichen
Berufe werden von Pädagogen weitergegeben bzw. gelehrt. Nur mittels der
Erziehung
werden Kinder unterstützt, selbständig zu werden, Verantwortung für sich, für
die Gesellschaft, gegenüber einer höheren sittlichen Instanz und schließlich
Verantwortung für die nächste jüngere Generation zu übernehmen. Die
Vermittlung der Verantwortung für die nächste junge Generation liegt im
Bereich der Pädagogen. Sie ist aber zeitlich begrenzt, denn Sinn und Zweck der
Erziehung besteht darin, dass der Erzieher sich gegenüber dem Erziehenden überflüssig
macht. Der Wiederaufbau bedarf ebenso einer längerfristigen Anstrengung,
harter Arbeit und finanzieller Sponsoren. Der Zustand scheint sich in einigen
Jahren ändern zu können, was Auf- und Ausbau der Gebäude, die Beschaffung
von Lern- und Lehrmaterial, die Einrichtung und Ausstattung von Labors und
Institutionen betreffen. Auch diese materielle Seite ist selbstverständlich
ein kompliziertes, großes Unterfangen und Wagnis, das den Staat und die
Gesellschaft herausfordern. Doch jeder erdenkliche kleinste Schritt zur
positiven Entwicklung ist Salbe auf den zahlreichen politischen und persönlichen
Wunden und Traumata eines Volkes und seiner Kinder. Noch komplizierter scheint
die Wiederherstellung der ideellen, personellen und sozialen Aspekte, etwa der
Auf- und Neubau der Organe und Institutionen im Bildungsbereich, die Sanierung
der Sozialstrukturen sowie der Werte- und Normsysteme zu sein. Allein die
Entwicklung und Harmonisierung eines auf den Vielvölkerstaat und auf die
geographisch unterschiedlichen klimatischen Bedingungen abgestimmten
Curriculums, das sowohl die kategoriale Bildung als auch den anschaulichen
Unterricht, das exemplarische Lehren und Lernen beinhaltet, sind keine leichten
Aufgaben. Curricula sind nicht bloße Instrumente zum Festsetzen der
Qualifikationen, zum Ordnen ihrer Lehr- und Lerninhalte und Vermitteln ihrer
Methoden, sondern auch Grundlagen der didaktischen Vorgehensweisen. Sie setzen
die Lehr- und Lernziele und kontrollieren diese. Danach orientieren sich die
jungen Menschen im späteren Leben. Konzepte des Curriculums sind nicht
statische Phänomene, die für alle Zeiten ihre Gültigkeit besitzen, sondern
sie sind dynamische Erscheinungsprozesse. Die Geschichte europäischer Curricula
zeigt, daß sie durch Reformen zeitgemäß modifiziert werden. Sie sind
Gestaltungsmethoden,
Vorgehens- und Verfahrensweisen von Lernprozessen und Lern- und Lehrzielen, die
die „Soll-Bildung“ im Augenblick antizipieren. Kategorial orientierte
Lehrpläne und exemplarische Unterrichtsmethoden können sich gegenseitig ergänzen.
Das afghanische Curriculum sollte auch die Grundfachrichtungen der
Allgemeinbildung (sittlich-ethische, religiöse, soziale, ästhetisch-musische,
sprachlich-literarische, historisch-politische, philosophische,
wirtschaftlich-ökonomische, biologische, körperliche und
handwerklich-technische Bildung) berücksichtigen. Kooperatives Denken und
Lernen in der Gruppe sind genauso wichtig wie Einzelarbeit. Das Curriculum hilft
dem Kinde, sich auch in der Gesellschaft zurecht zu finden. Das Curriculum geht
altersentsprechend von bekannten zu unbekannten, von einfachen zu
komplizierten und schließlich von allgemein-elementaren zu fachlichen
Erkenntnissen vor. Kein Kind sollte von diesem Prozess der harmonischen
„Hand-Kopf-Herz-Erziehung“, wie Pestalozzi in seinen Anschauungen forderte,
ausgeschlossen sein. Hand als Symbol für motorisch-technische Entwicklung, Kopf
als Symbol für die kognitive Entwicklung und Herz als Symbol für die
sittlich-ethische Entwicklung des jungen Menschen. Die Entwicklung einer Didaktik, die Ausbildung und Professionalisierung
der Lehrkräfte sind weitere Herausforderungen, die eines langwierigen und
langatmigen Prozesses bedürfen. Hier sind Visionen und Versionen, Diskussionen
und Ideen, Konzepte und Konsense, Ansätze und Methoden erforderlich, und das
hängt nicht nur von finanziellen Mitteln, guten Willen und harter Arbeit ab. Afghanistan benötigt nicht nur den Wiederaufbau des Schul- und Bildungssystems,
sondern auch die Errichtung bzw. Neustrukturierung von familienfördernden
Hilfesystemen. Nur so können gezielte Entwicklungsförderungen ihrer Kinder während
der Säuglings- und Kleinkinderzeit geleistet werden. Der Aufbau und die
Entwicklung der pädagogischen und sozialen Institutionen hängen nicht von pädagogisch-wissenschaftlichen
Erkenntnissen ab. Daher sollte die Wiederherstellung der politischen,
wirtschaftlichen und sozialen Systeme mit dem Wiederaufbau des Bildungswesens
einhergehen. Ohne die Entwicklung in diesen Bereichen können auch bewährte pädagogische
Konzepte, didaktische Methoden und wissenschaftliche Erkenntnisse nicht in die
Tat umgesetzt werden. Die Fortschritte, die im Jahre 2002 festzustellen sind, gehen auf
folgende Fakten zurück, die über die allgemeinen Erwartungen hinausgehen:
Dieses Bild zeigt noch
einmal deutlich die Bereitschaft der Eltern und Motivation der Kinder im Jahre
2002 im Vergleich zu 1972.
Bereits während der Soziabilisierungsphase , aber
auch während der primären Sozialisierungszeit benötigen die Familien für
die Erziehung ihrer Kinder gezielte Entwicklungsförderung. Die ersten sechs
Lebensjahre des Kindes sind für seine weitere Entwicklung und schulische
Bildung sehr prägend. Hier werden die Grundsteine für die körperliche,
kognitive, soziale, emotionale, psychische und sprachliche Entwicklung
(ganzheitliche Erziehung) gelegt. Zwar können die afghanischen Kinder diese für
die sekundäre Sozialisation wichtigen Voraussetzungen u.a. in der Peer Group
mit anderen Altersgenossen lernen. Doch die Entwicklungsvalenz wird mehr steigen,
sobald ein Erwachsener sich gezielt für das Entwicklungsgeschehen und in die Förderung einsetzt. Da
sind vorschulische Hilfestellungen zur Selbständigkeit, wie z.B. Kindergärten
zu nennen. Hier werden Kindern Fähigkeiten und Fertigkeiten lernen, die für
die Aneignung des schulischen Unterrichts unabdingbar sind. Auch diese
Institutionen sollten nicht instrumentalisiert werden, sondern das Wohl des
Kindes in den Vordergrund rücken. Der Wiederaufbau im schulischen Bereich impliziert nicht, daß der vorschulische
Bereich vernachlässigt werden muss. Zur Förderung der Kinder in dieser Phase
des Lebens, die ebenso wie alle anderen Lebensphasen des Menschen wichtig und
gleichwertig ist, sollten durchaus die pädagogischen Konzepte und bewährten
Methoden anderer Länder für die Gestaltung der Erziehung übernommen werden,
vorausgesetzt diese Übernahme geschieht nicht epigonenhaft, sondern angepasst
an die Verhältnisse und Erfordernisse des Landes und wird mit den wertvollen
und reichhaltigen traditionellen Ressourcen aus unserem Lande in Einklang
gebracht. Die Schätze der Kulturgeschichte des Landes bieten zahlreiche
Quellen, Ansätze und Überlieferungen, die für die „proportionale und
harmonische Entwicklung aller Fähigkeiten und Fertigkeiten des Kindes“ –
wie Immanuel Kant in seiner ersten Vorlesung der Pädagogik postulierte
–, sowohl in der Soziabilisierungsphase wie auch in der primären und
sekundären Sozialisation effektiv eingesetzt werden können. Die afghanischen
Kinderlieder, Rätsel, Märchen und Gedichte, Kinderspiele, traditionelles
Spielzeug und nicht zuletzt die traditionellen Musikinstrumente sind solche
Mittel und Möglichkeiten. In den tradierten Spielen der Kinder sind
mannigfaltige Impulse und Antriebe für die Entwicklung aller Fähigkeiten und
Fertigkeiten vorhanden. Mit dem Einsatz dieser Kulturgüter bei der
Entwicklungsförderung und Freizeitgestaltung trägt die ästhetische Erziehung
dem pädagogischen Postulat Rechnung, wenn die traditionellen Erziehungsmittel
zeitgemäß leicht modifiziert werden. Die holz-, papier- und
metallverarbeitenden Industriezweige können davon profitieren und somit den
neuen Zweigen der gesamten Wirtschaft Afghanistans förderlich sein. Diese
Kulturgüter haben nicht nur eine größere Wirkung zur nationalen
Identifizierung für afghanische Kinder, sondern sie bieten eine Menge pädagogischer
Hilfestellungen zur ganzheitlichen Entwicklung. Es gibt eine Vielzahl von
traditionellen Kinderliedern und -gedichten, die die musikalischen Fähigkeiten
der Kinder fördern und verfeinern können. Selbstverständlich dürfen, können
und sollen auch die afghanischen Kinder die Kinderspiele aus anderen Ländern
spielen, und die Pädagogen sollten sich kritisch über traditionelle und moderne
Spiele äußern, vorausgesetzt, es entstehen keine Vorurteile bzw. Missachtungen
der eigenen und der fremden Kultur. Kinderspiel ist nicht nur ein Bestandteil
der Kultur und Tradition, sondern es spiegelt die Kultur und Gesellschaft
schlechthin wider. Es ist ein Beschützer und Bewahrer der afghanischen Kultur.
Es besitzt eine kathartische, also befreiende und reinigende Funktion. Daher
ist Spiel auch gut in den Feldern zur Verarbeitung von Entwicklungsstörungen
einzusetzen. Im Spiel können Kinder ihre Konflikte und negativen Erfahrungen
verarbeiten und ausgleichen. Die intentionale Gestaltung der Freizeit der Kinder und Jugendlichen mit
Spiel, Sport und Musik als „Tertiäre Pädagogik“ erfüllt folgende
Aufgaben:
Vor der Machtübernahme der Volksdemokratischen Partei im Jahre 1978
spielte die afghanische Pfadfinder-Organisation „De Afghanistan Zarandoi
Tolana“ eine bedeutende Rolle bei der Freizeitgestaltung der afghanischen
Kinder und Jugendlichen. Die Organisation hat eine Reihe von Kulturgüter des
Landes im Bereich des Spiels und der Musik verfeinert. Ihr Wiederaufbau kann
die Not lindern. Aber allein reicht die Pfadfinder-Organisation nicht aus. Die
Konzipierung eines staatlichen Kinder- und Jugendhilfesystems sowie die
Errichtung von Kindergärten und Freizeitzentren kann dazu beitragen, Kindern
beim selbständigen Denken und Handeln zu unterstützen. Das Repertoire der
staatlichen Kinderförderungseinrichtungen sollte vielfältig sein, der Stil
sollte nicht eine uniformierte und isolierte Form haben. Dabei sollten von
Anfang an friedenserzieherische Maßnahmen Anwendung finden. Die Friedenspädagogik oder Pädagogik zum Frieden, welche für Afghanistan
zu konzipieren ist, kann nicht mit Vorlesungen hervorragender Texte von
Friedens- und Konfliktforschern bei den Kindern und Jugendlichen fruchten. Es
ist sinnvoll, wenn friedenserzieherische Unterstützungsmaßnahmen
intrakulturelle, interkulturelle und umweltfreundliche Aspekte beinhalten. Für
Frieden im intrakulturellen Bereich sollten Konzepte entwickelt werden, die
Solidarität und Zusammengehörigkeitsgefühl unter afghanischen Kindern und
Jugendlichen aus verschiedenen Völkern fördern. Für diese Konzepte stehen
wiederum reichhaltige Instrumente aus dem 3000-jährigen traditionellen
Wertesystem des Landes zur Verfügung, wie etwa das Pflanzen von Bäumen zum Frühlingsanfang
beim Nauroz-Fest (Neujahr), das Gastrecht und nicht zuletzt die islamischen
Feste und Gebote, die eigentlich zur Versöhnung und Toleranz beitragen.
Friedenspädagogische Handlungen sind ohne intrapsychische Stärkung der
Kinder nicht möglich. Was die Erziehung und Pädagogik anbelangt, können folgende Aspekte
beim Aufbau des Erziehungs-, Schul- und Bildungswesens mitberücksichtigt
werden:
Auch nach 23-jähriger negativer Erfahrung von Invasion, militärischer
Auseinandersetzung sowie von Flucht und Verfolgung sind durchaus Chancen für
den Neuanfang gegeben. Der Neuanfang ist mit großen Hoffnungen verbunden.
Diese Hoffnungen sind für das Land und seine Bevölkerung auch im
Bildungswesen produktiv und konstruktiv, dessen Wideraufbau eine große
Herausforderung darstellt. Der Aufbau des Bildungswesens hängt wiederum mit verschiedenen Faktoren
zusammen. Auch diese Aufgabe ist immens groß, so dass sie zwar eines
langfristigen, auf die Zukunft ausgerichteten und pädagogisch orientierten
Programms und Planes bedarf, zum anderen sind kurzfristige bzw. mittelfristige
Projekte erforderlich, um die etwa bei Kindern und Jugendlichen und insbesondere
bei Mädchen entstandenen Unterrichtslücken zu kompensieren. Für Mädchen
und für einen Teil der Flüchtlingskinder, die von der schulischen und
beruflichen Bildung ausgeschlossen waren oder wegen der Flucht keine Möglichkeit
hatten, am Unterricht teilzunehmen, sind Sonderprogramme zu konzipieren. Die Voraussetzungen für einen Neuanfang und Wiederaufbau in Afghanistan
sind günstiger denn je:
Auch die besten erziehungswissenschaftlich relevanten Konzepte können
ohne den Wiederaufbau ökonomischer und sozialer Strukturen nicht realisiert
werden. Umgekehrt können Wiederaufbau und Aufbaumaßnahmen ohne Qualifizierung
und Professionalisierung der afghanischen Kinder in Zukunft nicht fortbestehen.
Allein die rasche Verfassung des Wiederaufbau-Konzepts zeigt, wie die
afghanische Übergangsregierung dem Bildungswesen eine große Bedeutung
zumisst. Dr. Mir Hafizuddin Sadri in: Afghanistan - Hoffnung und Perspektiven. Jahrbuch 2002, IKO-Verlag 2003 |