Bildungspolitische Entwicklungsgeschichte     

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1       Traditionelle Bildung

Vor der Einführung des modernen Bildungswesens wurden sowohl in der primären wie auch in der sekundären Sozialisation die traditionellen Erzie­hungs- und Bildungsmethoden mit herkömmlichen Erziehungszielen und
-stilen praktiziert, um den Bedarf nach Fachleuten in Handwerk und Han­del, Landwirtschaft, Kunst, Literatur und Musik zu decken.

Die mündlichen Überlieferungen prägten hauptsächlich die traditionelle Pädagogik. Die ältere Generation gab der nächsten Generation ihre Künste weiter. Die Familie als Kern der Sozialstruktur und als bedeutende gesell­schaftliche und soziale Institution war die erste Stätte der Sozialisation. Unter Familie verstehen die meisten Afghanen drei bis vier Generationen und Angehörige des 2. und 3. Grades, die alle unter einem Dach lebten und leben. Hier wurden zum einen die Säuglinge und Kinder bis zum Jugend­alter sukzessiv auf das spätere Leben und auf die Übernahme von Verant­wortung vorbereitet, und zum anderen wurden durch die Familie den emo­tionalen Bedürfnissen etwa nach Schutz, Geborgenheit und Lebensversi­cherung Rechnung getragen. Erziehung und Bildung waren ausschließlich geschlechtsspezifisch ausgerichtet und kulturell determiniert.

In vielen Familien, in Moscheen und Koranschulen und vor allem bei Hofe beherrschten die Menschen die Kulturtechniken Schreiben, Lesen, Rech­nen, die Sprache Dari (Hofsprache) und Hofliteratur. Abgesehen von peri­odisch auftretenden blühenden Zeiten der Literatur und Kunst wie z.B. vor einem Jahrtausend, in denen allein an der Universität von Herat 12.000 Studenten die Fachrichtungen Astronomie, Medizin, Religionslehre, Ma­thematik und Literatur studierten, war in dem modernen Zeitalter der indu­striellen Revolution das Beherrschen der Kulturtechniken auf einige we­nige privilegierte Schichten der Gesellschaft beschränkt. Auf dem Boden des Landes entstanden diverse Kulturzentren, deren Hochburgen Kandahar und Bamian, Kabul und Bost, Herat und Baktra waren. Vor den Invasionen existierten Hochkulturen, deren unterirdisch gebaute Kanalsysteme land­wirtschaftlich für die Bewässerung genutzt wurden.

Kaum bauten die afghanischen Völker ein dem Land angepasstes intentio­nales Erziehungs- und Bildungssystem auf, als dies durch Krieg, bewaff­nete Auseinandersetzung und Invasionen fremder Truppen immer wieder völlig zerstört  wurde.

Zu der tradierten Bildung gehörte das heilige Buch (Koran) und die Texte vom Propheten, aber auch das Buch „Panj  Ketab“ (Fünfbücher) und einige für Lernende in Versform verfasste literarische Gedichte und Prosaer­zählungen, durch deren Syllabifizierung die Kinder lesen und schreiben lernten. Zu den wertvollen und literarisch bedeutenden Werken zählten Bü­cher wie die lehrreichen Golestan (Gedichte) und Bustan (Prosa) von Sahdi, die Verse aus dem Diwan des von Goethe hochgeschätzten Hafis sowie die Landai, jene pathetischen Minnesänge der Paschtunen, die Hel­denhaftigkeit, Unabhängigkeit und Widerstand besangen.

2       Entstehung des modernen Bildungswesens

Das moderne Bildungswesen geht auf die Anfänge des vorigen Jahrhun­derts zurück, als der König Amir Habibullah Khan (1904-1919) im Jahre 1904 mit Hilfe der aus Britisch-Indien stammenden Lehrkräfte das erste nach ihm benannte Gymnasium Afghanistans gründete. Diese Periode ist für die Entstehung des modernen Bildungssystems vor allem deswegen charakteristisch, weil bis zum Jahre 1919 die Briten die Schule leiteten. Ziel der Gründung dieses Gymnasiums war, Fachkräfte für das afghanische Staatswesen auszubilden und eine intellektuelle Schicht entstehen zu las­sen, um einerseits Afghanistan verwaltungstechnisch, politisch und wirt­schaftlich für die Aufnahme in die moderne Weltgemeinschaft vorzuberei­ten und andererseits den Rufen intellektueller Afghanen nach Bildung und Ausbildung zu entsprechen.

Doch der eigentliche Schmied des modernen afghanischen Bildungssy­stems ist der jüngste Sohn, Amir Amanullah Khan (1919-1929), der seinen Titel von Amir in König umwandelte. Diese Umbenennung rief bei absolu­tistischen Monarchisten Unruhe und Widerstand hervor, da sie um ihre Pri­vilegien fürchteten. Sie hielten dem König vor, er wolle die Monarchie ganz abschaffen. Nach der Proklamation der afghanischen Unabhängigkeit im Jahre 1919 versuchte der König mit Hilfe der Exilafghanen wie Mah­mud Tarzi und der beiden England nicht so wohlgesinnten Länder Deutschland und der neu formierten Sowjetunion, sein Land in die zivili­sierte, moderne und auf Rechtstaatlichkeit basierende Gesellschaft einzu­führen. Ziel des Königs war, Afghanistan von der totalitären Monarchie in eine demokratisch-konstitutionelle Monarchie umzuwandeln. Hier ist eine Reihe von Demokratisierungs- und Industrialisierungsmaßnahmen, etwa die erste freiheitlich-demokratische Verfassung des Landes, die Garantie der Gleichheit aller Völker, Abschaffung der Sklaverei und des Fürsten­tums, Einführung eines Verwaltungs- und Steuersystems, Bildungsreform, Säkularisierung und Frauenrechte sowie die Gesetze zur Förderung der af­ghanischen Industrie zu erwähnen.

Während der Regierungszeit von König Amanullah sind in Afghanistan neben Grundschulen auch Oberrealschulen, Fach- und Berufsschulen in Bereichen der Landwirtschaft und Technik entstanden. Innerhalb von we­nigen Jahren sind mehr als 300 neue Schularten und Fachhochschulen in verschiedenen Provinzen Afghanistans gebaut und eröffnet worden, wobei sich die Mehrzahl dieser Einrichtungen jedoch in Kabul befindet. Folgende renommierte Gymnasien und Fachhochschulen wurden binnen drei Jahren zwischen 1924-1927 gegründet:

  • Amani-Oberrealschule für Jungen (deutsch)

  • Aman-Mädchenschule (deutsch)  

  • Ghazi-Lycee (englisch)

  • Esteklal-Lycee (französisch)

  • Mosesa-Schule (für heranwachsende und erwachsene Frauen)

  • Darulmahlemin (Lehrerausbildungsschule)

  • Fachschule für Telegraphie- und Telefonwesen

  • Schule für Kunst (hauptsächlich Malerei)

  • Schreinerei-Schule

  • Fachhochschule für Bauwesen und Architektur

  • Landwirtschaftsschule

  • Akademie der Polizei

  • Musikschule

  • Fachschule für Hauswirtschaft

  • Hochschule für Medizin

  • Fachschule für Hebammen

In den Provinzen wurden folgende Schulen gebaut:

  • Gymnasium in Djalalabad

  • Landwirtschaftsgymnasium in Kandahar

  • Gymnasium in Herat

  • Gymnasium in Mazar-e-Scharif

Im Jahre 1927 erlangten 54.000 Fachkräfte in den Schulen, Berufs- und Fachhochschulen des Landes ihren Abschluss.

Schularten

Schülerzahl

Anzahl Lehrkräfte

Regelschulen

51.000

 

Erwachsenenbildung

3.000

 

Insgesamt

54.000

650

Die neugegründeten Bildungsinstitutionen schufen selbst neue Arbeits­plätze und neue Wirtschaftszweige, die gerade wegen des Bildungswesens entstanden. Hier ist die Maherf-Druckerei zu erwähnen, die Schulbücher für das Erziehungsministerium herausgab. Während des genannten Zeit­raums wurden über 130 Arten von Schulbüchern mit knapp 700.000 Exem­plaren herausgegeben.

Der König ermöglichte den Absolventen der Schulen Staatsstipendien zum Studium im Ausland: in Deutschland, Frankreich und der Sowjetunion. Frauen konnten ihr Studium in der Türkei aufnehmen.

Die Aufgabe einer aus 20 Persönlichkeiten gewählten Kommission war es, neben den zwei bereits neu gegründeten Bibliotheken eine afghanische Na­tionalbibliothek aufzubauen. Das Königshaus stellte der Nationalbibliothek die Hofbibliothek, die aus Manuskript-Sammlungen bestand, zur Verfü­gung.

Prügel, körperliche Züchtigung und öffentliche Demütigungen der Schüler als Erziehungsmittel und zur Abschreckung wurden laut Gesetz verboten. Laut Artikel 11 der von König Amanullah konzipierten Verfassung konnte jeder seine Meinung frei äußern.

Nach Artikel 9 und 10 der Verfassung hatten alle Stämme und Völker Af­ghanistans die gleichen Rechte und Pflichten und das Recht auf persönliche Freiheiten. Die Zwangssteuer, die bis dahin von Afghanen mit hinduisti­scher Religion u.a. wegen des Turbantragens erhoben wurde, wurde einge­stellt. Die aus der Volksgruppe der Hazaras stammende Sklaverei wurde abgeschafft. Kinder mit hinduistischer Religionszugehörigkeit sowie die Kinder der Hazaras wurden in den normalen Schulen integriert. Für ihre Eltern bestand die Möglichkeit, bei entsprechender Tätigkeit verbeamtet zu werden.

Die Aufhebung des Schleierzwangs war ein weiterer Schritt zur Humani­sierung der Gesellschaft.

Welch bedeutende Rolle das Regime von König Amanullah der Bildung beimaß, zeigen die in diesem Ressort ausgegebenen Summen, die im Haushalt 1921 veranschlagt waren. Demnach wurde von einem Gesamt­budget von 80 Millionen Rupia (Währung des Landes) 15 Mio. für Bildung und Erziehung ausgegeben.

Im Schulwesen führte König Amanullah den kostenfreien Schulbesuch bis zur 6. Klasse als Schulpflicht ein. Die im Ausland ausgebildeten Kräfte hatten bedeutende Posten im Staat und in der Gesellschaft inne. Ca. 10 km von Kabul entfernt ließ der König ein Parlamentsgebäude errichten. Für den Transport von der Stadt Kabul bis zum Parlamentsgebäude sorgte die einzige Eisenbahnlinie des Landes.

All diesen Maßnahmen standen die Bauern und die religiösen Würdenträ­ger in den Dörfern ablehnend gegenüber. Afghanische Bauern benötigten ihre Söhne auf dem Felde, um ihre mehrköpfige Familie zu ernähren. Die religiösen Würdenträger fürchteten den Verlust ihrer Autorität. Die Refor­men des Königs riefen bei den afghanischen Fürsten Unruhe hervor. Die Gesellschaft polarisierte und radikalisierte sich. Während die Intellektuel­len und jene unter Völkern und gesellschaftlichen Schichten, die bis dahin unter Repressalien standen, den Reformen des Königs im Hinblick auf die Demokratisierung der gesellschaftlichen und sozialen Strukturen positiv gegenüber standen, ergriff der Batsche Saqa (Sohn des Wasserträgers) die Macht. Er ließ Schulen schließen, den Schleierzwang reaktivieren und Bü­cher verbrennen.

In der Regierungszeit des Königs Zahir Schah in den 60er Jahren erreichte die schulische Bildung ihren Höhepunkt, was die Anzahl und den Bau der Schulen anbelangt. Viele Schulen, die staatlich anerkannt waren, sind auf Initiative der Dorfbevölkerung und mit privatem Kapital errichtet worden. Nach einer statistischen Erhebung des dem Planungsministerium unterge­ordneten Statistischen Amts im Jahre 1968 verfügte Afghanistan über ins­gesamt 2.581 Schulen, von denen sich 187 Schulen in Kabul befanden.

Die Gründe, warum die Anzahl der Schulen und pädagogischen Einrich­tungen rapide anstieg, liegen u.a. in folgenden Ereignissen:

  • Die ehrgeizigen Pläne des bisherigen Ministerpräsidenten und Vettern des Königs Daud Khan mussten gedämpft werden. Sein von der So­wjetunion ausgerüstetes und ausgebildetes Militär verschlang enorme Summen, und seine Politik – insbesondere im Paschtunistan-Konflikt – brachte Afghanistan beinahe an den Rand eines Krieges mit Pakistan. Im Jahre 1961 wurden von einer Gesamtausgabe von 3.115 Millionen Afghanis 664,9 Millionen allein für das Militär ausgegeben, während die Ausgaben für das Erziehungsministerium lediglich 191,8 Mio. Af­ghanis betrugen.

  • Im Jahre 1964 ernannte König Zahir Schah den in der Bundesrepublik promovierten Absolventen der Amani-Oberrealschule, Dr. Jossef, zum Ministerpräsidenten des Landes. Er gehörte nicht der königlichen Fami­lie an. Er schlug eine Verfassung vor und versprach die drei unabhängi­gen Instanzen der Demokratie, den Parlamentarismus und u.a. die De­mokratisierung des Schulwesens.

Von den 3 Mio. schulpflichtigen Kindern Afghanistans konnten zuletzt etwa 22,2 Prozent eingeschult werden, wobei der Anteil der Mädchen 5 Prozent betrug. 78 Prozent der schulpflichtigen Kinder erhielten keinen Zugang zur Schulbildung. Das Analphabetentum betrug in den Städten zwischen 70-80 Prozent und in den ländlichen Gebieten sogar 90 Prozent.

3       Entwicklung des Bildungswesens

Dem kulturpolitischen Wettbewerb und dem Engagement der entwickelten Industriestaaten ist es zu verdanken, daß sie in den 60er und 70er Jahren anfingen, supermoderne Schulen in Afghanistan zu bauen, obwohl die alten Gebäude mit geringerem finanziellen Aufwand hätten renoviert werden können. Jeder Staat versuchte, den anderen im Hinblick auf Gebäude, Aus­stattung und Modernität zu übertreffen.

Die Bundesrepublik baute einen modernen Gebäudekomplex im Norden von Kabul für die Amani-Oberrealschule, da das alte Hauptgebäude der 1924 von König Amanullah gegründeten und mit Hilfe Deutschlands ge­bauten bilingualen Oberrealschule völlig abgebrannt war. Das Prachtge­bäude der alten Schule lag im Herzen der Hauptstadt und am Ufer des Ka­bulflusses im Alam-Gandj-Garten. Bundespräsident Lübke legte im Jahre 1967 den Grundstein des neuen Gebäudes, und nach ca. 3-jähriger Bauzeit wurde die Schule ihrer Bestimmung übergeben. In der Oberstufe unter­richteten deutsche Lehrer sämtliche naturwissenschaftliche Fächer auf deutsch. Während des Zweiten Weltkriegs übernahmen aus Deutschland zurückgekehrte Absolventen dieses Gymnasiums den Unterricht und hiel­ten den Lehrbetrieb bis zur Rückkehr des deutschen Lehrpersonals auf­recht. Nach dem Krieg nahmen deutsche Lehrkräfte ihre Arbeit in der in­zwischen von der Bundesregierung mit jährlich bis zu 500.000 DM geför­derten Schule wieder auf.

Auch die anderen Industriestaaten haben weitere Schulen und neue Schul­gebäude gebaut; dazu zählen das französischsprachige Estektlal- und das englischsprachige Habiba-Gymnasium. Es ist bemerkenswert, daß die alten Gebäude den Mädchenschulen zur Verfügung gestellt wurden.

So wurde aus dem alten Gebäude der Habiba-Schule das Aschia-Durrani-Mädchengymnsium und das Gebäude der Amani-Oberrealschule (in der Regierungszeit von Zahir Schah in Nedjat-Schule umbenannt) dem Ariana-Mädchen-Gymnasium zur Verfügung gestellt. Die Anzahl der Schüler entwickelte sich wie folgt:

Diese Abbildung zeigt den Zuwachs an Schulen binnen eines halben Jahr­hunderts:


Laut obiger Statistik verdreifachte sich innerhalb von zehn Jahren die Zahl der Schulen verschiedenster Richtungen. Die Anzahl der Schüler und Schülerinnen stieg um das Neunzehnfache. Ein Drittel der Schulen befand sich in Kabul. Inzwischen verfügte jede große Stadt in Afghanistan über ein Mädchengymnasium. Durch Aufheben des Schleierzwangs Ende der 50er Jahre stieg die Anzahl der Mädchenschulen rapide an. Zu den renom­mierten Mädchengymnasien zählen Rabia Balchi, Belqis, Aschia-e-Durani, Ariana, Malalei, Zarghona.

Das Diagramm zeigt die Schüleranzahl im Jahre 1972 nach Geschlechtern getrennt.


Weitere Schulgebäude, die das Erziehungsministerium während der 60er und 70er Jahre ihren Bestimmungen übergab, trugen zum rasanten Anstieg der Anzahl von Abiturienten bei. Auch die von der Sowjetunion neu ge­baute moderne Technische Fachhochschule mit dem Namen Polytechni­kum im Westen der Hauptstadt sowie die einzige Universität des Landes in Kabul und die medizinische Fakultät im Osten des Landes konnten den Bedarf nach einem Studienplatz nicht decken. Nach wie vor konnte sich nur 1 Prozent der Absolventen der Oberrealschulen immatrikulieren, nach­dem sie sich einer Aufnahmeprüfung unterzogen hatten. Maßnahmen zum Zulassungsverfahren wie Numerus clausus und Eignungstest zum univer­sitären Studium stellte die Regierung als Qualifizierungsmaßnahmen hin.

Im Jahre 1969/71 gab das Erziehungsministerium 530 Mio. Afghanis von einer Gesamtsumme von 5.082 Mio. Afghanis aus. Das Verteidigungsmini­sterium verbrauchte die astronomische Summe von 2.134 Mio. Afghanis. Für die inzwischen umstrukturierte Universität, die nun eine eigene Ein­richtung geworden war, wurden allein 150,8 Mio. Afghanis veranschlagt.

Dieser Zustand rief bei den Lernenden Unruhe, Protestaktionen und De­monstrationen hervor. Die Forderungen nach Verbesserungen im Bildungs­system mündeten in politischen Forderungen der ideologisch motivierten Organisationen. Die Gesellschaft polarisierte, und die Organisationen radi­kalisierten sich. Unter den radikalen Organisationen kämpfte eine Organi­sation mit dem Namen „Islamische Brüderschaft“ um Gulbuddin Hekma­tyar für die Errichtung eines islamischen Staats und für die Einführung des islamischen Rechts in Afghanistan. Seine Anhänger sprühten Säure auf Studentinnen(!) und Schülerinnen(!).

4       Scheitern der permanenten Bildungsreformen

Während eines Auslandaufenthaltes von König Zahir Schah führte sein Vetter und Ex-Ministerpräsident Mohammad Daud Khan am 17. Juli 1973 mit Hilfe massiver militärischer Unterstützung der Sowjetunion einen Mi­litärputsch durch. Er regierte mit harter Hand und verkündete eine Reihe von Gesetzen und Verordnungen, die sich mit den latein-amerikanischen Militärstaaten koinzidierten. Während dieser Zeit immigrierte der Führer der islamischen Bruderschaft nach Pakistan. Da die Beziehung zwischen Afghanistan und Pakistan während der Regierungszeit von Daud Khan in den 50er und 60er Jahren wegen der „Paschtunistan-Frage“ ohnehin getrübt waren, nahm Pakistan ihn gut auf.

Auch das Regime von Daud Khan war nicht in der Lage, eine Bildungsre­form durchzuführen und durchzusetzen. Im Gegenteil, es wanderte wäh­rend des Daud-Regimes ein Teil der akademischen Kräfte, Handwerker und Bauern aus, um in arabischen Staaten und im Iran zu arbeiten. Das Re­gime reagierte nicht auf das erste Anzeichen einer beginnenden Beein­trächtigung der afghanischen Sozialstruktur.

Obwohl Präsident Daud Khan eine Wende in seiner Politik herbeizuführen beabsichtigte, sich von der militärischen, politischen und wirtschaftlichen Abhängigkeit der Sowjetunion und von den sowjethörigen Freunden di­stanzieren und sich dem Westen annähern wollte, sind dennoch seine Pläne und Bemühungen diesbezüglich letztendlich gescheitert, so daß er selbst und seine Familie Opfer des blutigen Putschs der zwei Fraktionen der „Volksdemokratischen Parteien“ „Chalk“ und „Partscham“ wurden. Dieser mit direkter Hilfe der Sowjetunion durchgeführte Putsch und das Ausrufen der „Volksdemokratischen Republik Afghanistan“ bahnten im Jahre 1987 die totale Abhängigkeit und Bevormundung seitens der Sowjetunion an.

Bildungspolitisch ist sowohl die Regierungszeit von Daud Khan als auch die Regierungszeit der „Volksdemokratischen Partei“ lediglich dadurch gekennzeichnet, daß die Anzahl der Schülerinnen und der weiblichen Stu­dierenden in den Hochschulen des Landes rapide zunahm. Während der Herrschaft der „Volksdemokratischen Partei“ erreichte aber auch die politi­sche Indoktrination und Propaganda ihren Höhepunkt.

Die bisher erzielten Errungenschaften im Bildungswesen waren durch die Machtübernahme dieser Partei im Begriff, zugrunde zu gehen. Nun kann von einer katastrophalen Lage auch in der Bildungspolitik gesprochen wer­den.

  • Viele Intellektuelle, darunter Dozenten und Lehrer verließen das Land.

  • Intellektuelle, Dozenten und Lehrer wurden hingerichtet oder kamen im Gefängnis unter Folter und Repressalien um.

  • Bildungsstätten, Schulen und Hochschulen wurden instrumentalisiert und als Propagandazentren benutzt.

  • Durch die permanenten Bildungsreformen, die infolge der nacheinander geführten Entmachtung ihrer Vorgänger zustanden kamen, wurde die Dauer des Schulbesuchs herauf- und heruntergesetzt.

  • Erziehungs- und Bildungseinrichtungen nutzten die neuen Herrscher als Rekrutierungsstätte junger Menschen für den Krieg aus. Die Volljährig­keit und damit das Alter für den Militärdienst wurde von 18 auf 16 Jahre herabgesetzt. Nun musste das Abitur bzw. die Reifeprüfung statt nach der 12. Klasse nach der10. Klasse abgehalten werden. Damit wurde das noch übrig gebliebene Niveau im Bildungssystem erheblich gemindert.

  • Die von der internationalen Gemeinschaft militärisch und finanziell ge­förderten islamischen Bruderschaften und die als erste in Pakistan im­migrierten „Freiheitskämpfer“ um Gulbuddin Hekmatyar begannen ih­ren bewaffneten Kampf gegen das Kabuler Regime. Hier kamen viele junge Menschen auf beiden Seiten ums Leben.

  • Mit dem direkten Einmarsch der sowjetischen Truppen weiteten sich die bewaffneten Auseinandersetzungen aus.

  • Die gesamten Infra- und Sozialstrukturen des Landes brachen völlig zu­sammen.

  • Die Versuche des Regimes, sich nach den Reformen in der Sowjetunion mit den Organisationen zu einigen, die aus Pakistan und Iran heraus operierten und um „nationale Versöhnung“ und „Teilung der Macht“ kämpften, scheiterten.

  • Die Versuche der Vereinten Nationen um eine friedliche Lösung des Afghanistan-Konflikts scheiterten trotz Abhalten von diversen Konfe­renzen und der Transparenz-Politik von Gorbatschow.

  • Ca. 2 Mio. Menschen wanderten nach Iran und ca. 2-3 Mio. nach Paki­stan aus. Die 2,5 Mio. Nomaden, die seit Jahrhunderten zwischen Af­ghanistan hin- und herwanderten, blieben ganz in Pakistan.

  • Durch Abwurf von Millionen von als Spielzeug getarnten Minen ver­letzten sich viele Kinder. Als körperlich Behinderte hatten sie Schwie­rigkeiten, Schulen zu besuchen.

  • Kinder haben ihre Eltern bzw. Väter im Krieg verloren.

  • Jugendliche leiden an Drogensucht.

  • Auch Kinder und Jugendliche leiden unter traumatischen Erlebnissen von Krieg und Flucht. Psychische Störungen, Störungen im Verhalten, Denk- und Handlungsmuster sowie aggressive Verhaltensweisen sind weitere Phänomene im afghanischen Bildungswesen.

Beide Seiten (d.h. das herrschende Regime und die vom pakistanischen und iranischen Exil aus geführten, am Befreiungskampf teilhabenden Organi­sationen) haben letztendlich bei der pädagogischen Einwirkung auf junge Menschen von den gleichen Denk- und Handlungsmustern Gebrauch ge­macht.

Der islamischen Soziallehre und der traditionellen erzieherischen Fürsorge zufolge sollten Kinder und Jugendliche und insbesondere Waisenkinder besonderen Schutz und liebevolle Zuneigung erfahren. In einem Gedicht lesen wir:

Siehst du niedergeschlagen ein Waisenkind
küsse nicht die Backe des eigenen Sohns.

Im Gegensatz dazu rekrutierten jedoch der Widerstand und die Regierung gerade aus diesem Personenkreis Mudjahedin (Freiheitskämpfer) bzw. Re­gierungssoldaten. Diese Kinder waren nicht nur leicht empfänglich für die Propaganda und Indoktrination, sondern sie waren auch ohne weiteres in die bewaffneten Trainings- und Kampfmanöver zu involvieren. Sie waren die Ersten, die ihr Leben im Krieg verloren haben und in den bewaffneten Auseinandersetzungen verletzt wurden.

Gipfel der bildungspolitischen Katastrophe in Afghanistan war die Aus­weitung der Macht der Taliban. Wie zu Zeiten von Batsche Saqa (Sohn des Wasserträgers) wurden die noch übriggebliebenen Reste der Bildungs- und Erziehungsstätten komplett zerstört. Bücher, Kunstwerke, selbst Videore­corder und Filme, Radio- und Fernsehgeräte verbrannte das Regime oder richtete diese symbolisch an Masten und Bäumen hin. Sie schlossen sämtli­che Mädchenschulen und verbannten die Frauen aus dem Berufsleben. Frauen und Männern war es verboten, bunte Kleidung zu tragen. Die isla­mischen Wächter achteten darauf, daß der Schleierzwang eingehalten wurde und die Männer ihre Bärte nach Vorschrift und Längenmaß trugen. Frauen wurden öffentlich hingerichtet. Sportstadien waren die Plätze dieser tragischen, auf geistiger und moralischer Intoleranz basierenden Massenin­szenierungen. Das Taliban-Regime konnte seine Macht durch starke Gön­ner und Sponsoren aus der Petro-Chemie stabilisieren. Die zerstrittenen afghanischen Organisationen präsentierten keine Alternative. In Afghani­stan herrschte eine Atmosphäre der Volkstrauer und Massendepression.

Während der sechsjährigen Herrschaft der Taliban entstand eine Bildungs­lücke insbesondere bei den sechs- bis zwölfjährigen schulpflichtigen Mäd­chen. Die inzwischen dreizehn- bis achtzehnjährigen Lernwilligen müssen nun mit den sechs- bis zwölfjährigen Schulmädchen in einer Klasse sitzen.

Der Zuwachs an Einschulungen hat sich innerhalb der letzten 30 Jahre (ab­gesehen von der Taliban-Zeit) von knapp 700.000 im Jahre 1971 auf 3 Mio. im Jahre 2002 gesteigert.

 

Der Zuwachs an Schulen scheint nach dieser Graphik proportional zum Zuwachs der Schülerzahlen zu stehen:

 

 

Der Zustand der Schulen zeigt jedoch ein anderes Bild:


 

 

A         Zahl der Schulen

B         Total zerstört

C         beschädigt

D         leicht beschädigt

Dr. Mir Hafizuddin Sadri

in: Afghanistan - Hoffnung und Perspektiven. Jahrbuch 2002, IKO-Verlag 2003

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