Bildungspolitische
Entwicklungsgeschichte
1 Traditionelle Bildung Vor der Einführung des modernen Bildungswesens
wurden sowohl in der primären wie auch in der sekundären Sozialisation die
traditionellen Erziehungs- und Bildungsmethoden mit herkömmlichen
Erziehungszielen und Die mündlichen Überlieferungen prägten hauptsächlich die
traditionelle Pädagogik. Die ältere Generation gab der nächsten Generation
ihre Künste weiter. Die Familie als Kern der Sozialstruktur und als
bedeutende gesellschaftliche und soziale Institution war die erste Stätte
der Sozialisation. Unter Familie verstehen die meisten Afghanen drei bis vier
Generationen und Angehörige des 2. und 3. Grades, die alle unter einem Dach
lebten und leben. Hier wurden zum einen die Säuglinge und Kinder bis zum
Jugendalter sukzessiv auf das spätere Leben und auf die Übernahme von
Verantwortung vorbereitet, und zum anderen wurden durch die Familie den
emotionalen Bedürfnissen etwa nach Schutz, Geborgenheit und
Lebensversicherung Rechnung getragen. Erziehung und Bildung waren
ausschließlich geschlechtsspezifisch ausgerichtet und kulturell determiniert. In
vielen Familien, in Moscheen und Koranschulen und vor allem bei Hofe
beherrschten die Menschen die Kulturtechniken Schreiben, Lesen, Rechnen, die
Sprache Dari (Hofsprache) und Hofliteratur. Abgesehen von periodisch
auftretenden blühenden Zeiten der Literatur und Kunst wie z.B. vor einem
Jahrtausend, in denen allein an der Universität von Herat 12.000
Studenten die Fachrichtungen Astronomie, Medizin, Religionslehre,
Mathematik und Literatur studierten, war in dem modernen Zeitalter der
industriellen Revolution das Beherrschen der Kulturtechniken auf einige
wenige privilegierte Schichten der Gesellschaft beschränkt. Auf dem Boden
des Landes entstanden diverse Kulturzentren, deren Hochburgen Kandahar und
Bamian, Kabul und Bost, Herat und Baktra waren. Vor den Invasionen existierten
Hochkulturen, deren unterirdisch gebaute Kanalsysteme landwirtschaftlich
für die Bewässerung genutzt wurden. Kaum
bauten die afghanischen Völker ein dem Land angepasstes intentionales
Erziehungs- und Bildungssystem auf, als dies durch Krieg, bewaffnete
Auseinandersetzung und Invasionen fremder Truppen immer wieder völlig
zerstört wurde. Zu
der tradierten Bildung gehörte das heilige Buch (Koran) und die Texte vom
Propheten, aber auch das Buch „Panj Ketab“
(Fünfbücher) und einige
für Lernende in Versform verfasste literarische Gedichte und
Prosaerzählungen, durch deren Syllabifizierung die Kinder lesen und
schreiben lernten. Zu den wertvollen und literarisch bedeutenden Werken
zählten Bücher wie die lehrreichen Golestan (Gedichte) und Bustan (Prosa)
von Sahdi, die Verse aus dem Diwan des von Goethe hochgeschätzten Hafis sowie
die Landai, jene pathetischen Minnesänge der Paschtunen, die
Heldenhaftigkeit, Unabhängigkeit und Widerstand besangen. 2 Entstehung des modernen Bildungswesens Das
moderne Bildungswesen geht auf die Anfänge des vorigen Jahrhunderts
zurück, als der König Amir Habibullah Khan (1904-1919) im Jahre 1904 mit
Hilfe der aus Britisch-Indien stammenden Lehrkräfte das erste nach ihm
benannte Gymnasium Afghanistans gründete. Diese Periode ist für die
Entstehung des modernen Bildungssystems vor allem deswegen charakteristisch,
weil bis zum Jahre 1919 die Briten die Schule leiteten. Ziel der Gründung
dieses Gymnasiums war, Fachkräfte für das afghanische Staatswesen
auszubilden und eine intellektuelle Schicht entstehen zu lassen, um
einerseits Afghanistan verwaltungstechnisch, politisch und wirtschaftlich
für die Aufnahme in die moderne Weltgemeinschaft vorzubereiten und
andererseits den Rufen intellektueller Afghanen nach Bildung und Ausbildung zu
entsprechen. Doch
der eigentliche Schmied des modernen afghanischen Bildungssystems ist der
jüngste Sohn, Amir Amanullah Khan (1919-1929), der seinen Titel von Amir in
König umwandelte. Diese Umbenennung rief bei absolutistischen Monarchisten
Unruhe und Widerstand hervor, da sie um ihre Privilegien fürchteten. Sie
hielten dem König vor, er wolle die Monarchie ganz abschaffen. Nach der
Proklamation der afghanischen Unabhängigkeit im Jahre 1919 versuchte der
König mit Hilfe der Exilafghanen wie Mahmud Tarzi und der beiden England
nicht so wohlgesinnten Länder Deutschland und der neu formierten Sowjetunion,
sein Land in die zivilisierte, moderne und auf Rechtstaatlichkeit basierende
Gesellschaft einzuführen. Ziel des Königs war, Afghanistan von der
totalitären Monarchie in eine demokratisch-konstitutionelle Monarchie
umzuwandeln. Hier ist eine Reihe von Demokratisierungs- und
Industrialisierungsmaßnahmen, etwa die erste freiheitlich-demokratische
Verfassung des Landes, die Garantie der Gleichheit aller Völker, Abschaffung
der Sklaverei und des Fürstentums, Einführung eines Verwaltungs- und
Steuersystems, Bildungsreform, Säkularisierung und Frauenrechte sowie die
Gesetze zur Förderung der afghanischen Industrie zu erwähnen. Während
der Regierungszeit von König Amanullah sind in Afghanistan neben Grundschulen
auch Oberrealschulen, Fach- und Berufsschulen in Bereichen der Landwirtschaft
und Technik entstanden. Innerhalb von wenigen Jahren sind mehr als 300 neue
Schularten und Fachhochschulen in verschiedenen Provinzen Afghanistans gebaut
und eröffnet worden, wobei sich die Mehrzahl dieser Einrichtungen jedoch in
Kabul befindet. Folgende renommierte Gymnasien und Fachhochschulen wurden
binnen drei Jahren zwischen 1924-1927 gegründet:
In den Provinzen wurden folgende Schulen gebaut:
Im Jahre 1927 erlangten 54.000 Fachkräfte in den Schulen, Berufs- und
Fachhochschulen des Landes ihren Abschluss.
Die neugegründeten Bildungsinstitutionen schufen
selbst neue Arbeitsplätze und neue Wirtschaftszweige, die gerade wegen des
Bildungswesens entstanden. Hier ist die Maherf-Druckerei zu erwähnen, die
Schulbücher für das Erziehungsministerium herausgab. Während des genannten
Zeitraums wurden über 130 Arten von Schulbüchern mit knapp 700.000 Exemplaren
herausgegeben. Der König ermöglichte den Absolventen der Schulen Staatsstipendien zum
Studium im Ausland: in Deutschland, Frankreich und der Sowjetunion. Frauen
konnten ihr Studium in der Türkei aufnehmen. Die Aufgabe einer aus 20 Persönlichkeiten gewählten Kommission war es,
neben den zwei bereits neu gegründeten Bibliotheken eine afghanische Nationalbibliothek
aufzubauen. Das Königshaus stellte der Nationalbibliothek die Hofbibliothek,
die aus Manuskript-Sammlungen bestand, zur Verfügung. Prügel, körperliche Züchtigung und öffentliche Demütigungen der Schüler
als Erziehungsmittel und zur Abschreckung wurden laut Gesetz verboten. Laut
Artikel 11 der von König Amanullah konzipierten Verfassung konnte jeder seine
Meinung frei äußern. Nach Artikel 9 und 10 der Verfassung hatten alle Stämme und Völker Afghanistans
die gleichen Rechte und Pflichten und das Recht auf persönliche Freiheiten.
Die Zwangssteuer, die bis dahin von Afghanen mit hinduistischer Religion
u.a. wegen des Turbantragens erhoben wurde, wurde eingestellt. Die aus der
Volksgruppe der Hazaras stammende Sklaverei wurde abgeschafft. Kinder mit
hinduistischer Religionszugehörigkeit sowie die Kinder der Hazaras wurden in
den normalen Schulen integriert. Für ihre Eltern bestand die Möglichkeit,
bei entsprechender Tätigkeit verbeamtet zu werden. Die Aufhebung des Schleierzwangs war ein weiterer Schritt zur Humanisierung
der Gesellschaft. Welch bedeutende Rolle das Regime von König Amanullah der Bildung beimaß,
zeigen die in diesem Ressort ausgegebenen Summen, die im Haushalt 1921
veranschlagt waren. Demnach wurde von einem Gesamtbudget von 80 Millionen
Rupia (Währung des Landes) 15 Mio. für Bildung und Erziehung ausgegeben. Im Schulwesen führte König Amanullah den kostenfreien Schulbesuch bis
zur 6. Klasse als Schulpflicht ein. Die im Ausland ausgebildeten Kräfte
hatten bedeutende Posten im Staat und in der Gesellschaft inne. Ca. 10 km von
Kabul entfernt ließ der König ein Parlamentsgebäude errichten. Für den
Transport von der Stadt Kabul bis zum Parlamentsgebäude sorgte die einzige
Eisenbahnlinie des Landes. All diesen Maßnahmen standen die Bauern und die religiösen Würdenträger
in den Dörfern ablehnend gegenüber. Afghanische Bauern benötigten ihre Söhne
auf dem Felde, um ihre mehrköpfige Familie zu ernähren. Die religiösen Würdenträger
fürchteten den Verlust ihrer Autorität. Die Reformen des Königs riefen
bei den afghanischen Fürsten Unruhe hervor. Die Gesellschaft polarisierte und
radikalisierte sich. Während die Intellektuellen und jene unter Völkern
und gesellschaftlichen Schichten, die bis dahin unter Repressalien standen,
den Reformen des Königs im Hinblick auf die Demokratisierung der
gesellschaftlichen und sozialen Strukturen positiv gegenüber standen, ergriff
der Batsche Saqa (Sohn des Wasserträgers) die Macht. Er ließ Schulen schließen,
den Schleierzwang reaktivieren und Bücher verbrennen. In der Regierungszeit des Königs Zahir Schah in den 60er Jahren
erreichte die schulische Bildung ihren Höhepunkt, was die Anzahl und den Bau
der Schulen anbelangt. Viele Schulen, die staatlich anerkannt waren, sind auf
Initiative der Dorfbevölkerung und mit privatem Kapital errichtet worden.
Nach einer statistischen Erhebung des dem Planungsministerium untergeordneten
Statistischen Amts im Jahre 1968 verfügte Afghanistan über insgesamt 2.581
Schulen, von denen sich 187 Schulen in Kabul befanden. Die Gründe, warum die Anzahl der Schulen und pädagogischen Einrichtungen
rapide anstieg, liegen u.a. in folgenden Ereignissen:
Von den 3 Mio. schulpflichtigen Kindern Afghanistans konnten zuletzt
etwa 22,2 Prozent eingeschult
werden, wobei der Anteil der Mädchen 5 Prozent betrug. 78 Prozent der
schulpflichtigen Kinder erhielten keinen Zugang zur Schulbildung. Das
Analphabetentum betrug in den Städten zwischen 70-80 Prozent und in den ländlichen
Gebieten sogar 90 Prozent. 3 Entwicklung des Bildungswesens Dem kulturpolitischen Wettbewerb und dem Engagement der entwickelten
Industriestaaten ist es zu verdanken, daß sie in den 60er und 70er Jahren
anfingen, supermoderne Schulen in Afghanistan zu bauen, obwohl die alten Gebäude
mit geringerem finanziellen Aufwand hätten renoviert werden können. Jeder
Staat versuchte, den anderen im Hinblick auf Gebäude, Ausstattung und
Modernität zu übertreffen. Die Bundesrepublik baute einen modernen Gebäudekomplex im Norden von
Kabul für die Amani-Oberrealschule, da das alte Hauptgebäude der 1924 von König
Amanullah gegründeten und mit Hilfe Deutschlands gebauten bilingualen
Oberrealschule völlig abgebrannt war. Das Prachtgebäude der alten Schule
lag im Herzen der Hauptstadt und am Ufer des Kabulflusses im
Alam-Gandj-Garten. Bundespräsident Lübke legte im Jahre 1967 den Grundstein
des neuen Gebäudes, und nach ca. 3-jähriger Bauzeit wurde die Schule ihrer
Bestimmung übergeben. In der Oberstufe unterrichteten deutsche Lehrer sämtliche
naturwissenschaftliche Fächer auf deutsch. Während des Zweiten Weltkriegs übernahmen
aus Deutschland zurückgekehrte Absolventen dieses Gymnasiums den Unterricht
und hielten den Lehrbetrieb bis zur Rückkehr des deutschen Lehrpersonals
aufrecht. Nach dem Krieg nahmen deutsche Lehrkräfte ihre Arbeit in der inzwischen
von der Bundesregierung mit jährlich bis zu 500.000 DM geförderten Schule
wieder auf. Auch die anderen Industriestaaten haben weitere Schulen und neue Schulgebäude
gebaut; dazu zählen das französischsprachige Estektlal- und das
englischsprachige Habiba-Gymnasium. Es ist bemerkenswert, daß die alten Gebäude
den Mädchenschulen zur Verfügung gestellt wurden. So wurde aus dem alten Gebäude der Habiba-Schule das Aschia-Durrani-Mädchengymnsium
und das Gebäude der Amani-Oberrealschule (in der Regierungszeit von Zahir
Schah in Nedjat-Schule umbenannt) dem Ariana-Mädchen-Gymnasium zur Verfügung
gestellt. Die Anzahl der Schüler entwickelte sich wie
folgt: Diese Abbildung zeigt den Zuwachs an Schulen binnen eines halben Jahrhunderts:
Das
Diagramm zeigt die Schüleranzahl im Jahre 1972 nach Geschlechtern getrennt.
Im Jahre 1969/71 gab das Erziehungsministerium 530 Mio. Afghanis von
einer Gesamtsumme von 5.082 Mio. Afghanis aus. Das Verteidigungsministerium
verbrauchte die astronomische Summe von 2.134 Mio. Afghanis. Für die
inzwischen umstrukturierte Universität, die nun eine eigene Einrichtung
geworden war, wurden allein 150,8 Mio. Afghanis veranschlagt. Dieser Zustand rief bei den Lernenden Unruhe, Protestaktionen und Demonstrationen
hervor. Die Forderungen nach Verbesserungen im Bildungssystem mündeten in
politischen Forderungen der ideologisch motivierten Organisationen. Die
Gesellschaft polarisierte, und die Organisationen radikalisierten sich.
Unter den radikalen Organisationen kämpfte eine Organisation mit dem Namen „Islamische Brüderschaft“ um Gulbuddin Hekmatyar für
die Errichtung eines islamischen Staats und für die Einführung des
islamischen Rechts in Afghanistan. Seine Anhänger sprühten Säure auf
Studentinnen(!) und Schülerinnen(!). 4 Scheitern der permanenten Bildungsreformen Während eines Auslandaufenthaltes von König Zahir Schah führte sein
Vetter und Ex-Ministerpräsident Mohammad Daud Khan am 17. Juli 1973 mit Hilfe
massiver militärischer Unterstützung der Sowjetunion einen Militärputsch
durch. Er regierte mit harter Hand und verkündete eine Reihe von Gesetzen und
Verordnungen, die sich mit den latein-amerikanischen Militärstaaten
koinzidierten. Während dieser Zeit immigrierte der Führer der islamischen
Bruderschaft nach Pakistan. Da die Beziehung zwischen Afghanistan und Pakistan
während der Regierungszeit von Daud Khan in den 50er und 60er Jahren wegen
der „Paschtunistan-Frage“ ohnehin getrübt waren, nahm Pakistan ihn gut
auf. Auch das Regime von Daud Khan war nicht in der Lage, eine Bildungsreform
durchzuführen und durchzusetzen. Im Gegenteil, es wanderte während des
Daud-Regimes ein Teil der akademischen Kräfte, Handwerker und Bauern aus, um
in arabischen Staaten und im Iran zu arbeiten. Das Regime reagierte nicht
auf das erste Anzeichen einer beginnenden Beeinträchtigung der afghanischen
Sozialstruktur. Obwohl Präsident Daud Khan eine Wende in seiner Politik herbeizuführen
beabsichtigte, sich von der militärischen, politischen und wirtschaftlichen
Abhängigkeit der Sowjetunion und von den sowjethörigen Freunden distanzieren
und sich dem Westen annähern wollte, sind dennoch seine Pläne und Bemühungen
diesbezüglich letztendlich gescheitert, so daß er selbst und seine Familie
Opfer des blutigen Putschs der zwei Fraktionen der „Volksdemokratischen
Parteien“ „Chalk“ und „Partscham“ wurden. Dieser mit direkter Hilfe
der Sowjetunion durchgeführte Putsch und das Ausrufen der
„Volksdemokratischen Republik Afghanistan“ bahnten im Jahre 1987 die
totale Abhängigkeit und Bevormundung seitens der Sowjetunion an. Bildungspolitisch ist sowohl die Regierungszeit von Daud Khan als auch
die Regierungszeit der „Volksdemokratischen Partei“ lediglich dadurch
gekennzeichnet, daß die Anzahl der Schülerinnen und der weiblichen Studierenden
in den Hochschulen des Landes rapide zunahm. Während der Herrschaft der
„Volksdemokratischen Partei“ erreichte aber auch die politische
Indoktrination und Propaganda ihren Höhepunkt. Die bisher erzielten Errungenschaften im Bildungswesen waren durch die
Machtübernahme dieser Partei im Begriff, zugrunde zu gehen. Nun kann von
einer katastrophalen Lage auch in der Bildungspolitik gesprochen werden.
Beide Seiten (d.h. das herrschende Regime und die vom pakistanischen und
iranischen Exil aus geführten, am Befreiungskampf teilhabenden Organisationen)
haben letztendlich bei der pädagogischen Einwirkung auf junge Menschen von
den gleichen Denk- und Handlungsmustern Gebrauch gemacht. Der islamischen Soziallehre und der traditionellen erzieherischen Fürsorge
zufolge sollten Kinder und Jugendliche und insbesondere Waisenkinder
besonderen Schutz und liebevolle Zuneigung erfahren. In einem Gedicht lesen
wir: Siehst du
niedergeschlagen ein Waisenkind Im Gegensatz dazu rekrutierten jedoch der Widerstand und die Regierung
gerade aus diesem Personenkreis Mudjahedin (Freiheitskämpfer) bzw. Regierungssoldaten.
Diese Kinder waren nicht nur leicht empfänglich für die Propaganda und
Indoktrination, sondern sie waren auch ohne weiteres in die bewaffneten
Trainings- und Kampfmanöver zu involvieren. Sie waren die Ersten, die ihr
Leben im Krieg verloren haben und in den bewaffneten Auseinandersetzungen
verletzt wurden. Gipfel der bildungspolitischen Katastrophe in Afghanistan war die Ausweitung
der Macht der Taliban. Wie zu Zeiten von Batsche Saqa (Sohn des Wasserträgers)
wurden die noch übriggebliebenen Reste der Bildungs- und Erziehungsstätten
komplett zerstört. Bücher, Kunstwerke, selbst Videorecorder und Filme,
Radio- und Fernsehgeräte verbrannte das Regime oder richtete diese symbolisch
an Masten und Bäumen hin. Sie schlossen sämtliche Mädchenschulen und
verbannten die Frauen aus dem Berufsleben. Frauen und Männern war es
verboten, bunte Kleidung zu tragen. Die islamischen Wächter achteten
darauf, daß der Schleierzwang eingehalten wurde und die Männer ihre Bärte
nach Vorschrift und Längenmaß trugen. Frauen wurden öffentlich
hingerichtet. Sportstadien waren die Plätze dieser tragischen, auf geistiger
und moralischer Intoleranz basierenden Masseninszenierungen. Das
Taliban-Regime konnte seine Macht durch starke Gönner und Sponsoren aus der
Petro-Chemie stabilisieren. Die zerstrittenen afghanischen Organisationen präsentierten
keine Alternative. In Afghanistan herrschte eine Atmosphäre der Volkstrauer
und Massendepression. Während der sechsjährigen Herrschaft der Taliban entstand eine
Bildungslücke insbesondere bei den sechs- bis zwölfjährigen
schulpflichtigen Mädchen. Die inzwischen dreizehn- bis achtzehnjährigen
Lernwilligen müssen nun mit den sechs- bis zwölfjährigen Schulmädchen in
einer Klasse sitzen. Der Zuwachs an Einschulungen hat sich innerhalb der letzten 30 Jahre (abgesehen
von der Taliban-Zeit) von knapp 700.000 im Jahre 1971 auf 3 Mio. im Jahre 2002
gesteigert.
Der Zuwachs an Schulen scheint nach dieser Graphik proportional zum
Zuwachs der Schülerzahlen zu stehen:
Der Zustand der Schulen zeigt jedoch ein anderes Bild:
A Zahl der Schulen B Total zerstört C beschädigt D leicht beschädigt Dr. Mir Hafizuddin Sadri in: Afghanistan - Hoffnung und Perspektiven. Jahrbuch 2002, IKO-Verlag 2003 |