Statt Geburtstagsgeschenk Förderung einer Schule in Balkh

Catarina Felixmüller, NDR-Journalistin aus Hamburg war Ende 2002 in Kabul und besuchte damals auch die Amani-Oberrealschule sowie einige andere völlig zerstörte Schulen.

Dieser Eindruck hat sie nie mehr losgelassen, und so beschlossen sie und ihr Mann ihre gemeinsame Geburtstagsfeier zu einer Spendenaktion umzufunktionieren: Statt Geschenke mitzubringen, spendeten Frau Felixmüllers und Herrn Fiedlers Freunde fast 3000,- € für den Aufbau einer Schule in Balkh bei Mazar-i-Sharif.

Dort entsteht in Zusammenarbeit mit verschiedenen deutschen Hilfsorganisationen (GTZ, AGEF) und unterstützt von der deutschen Botschaft eine Dorfschule mit 12 Klassenzimmern. Die Bauplanung und –aufsicht übernahm ehrenamtlich ein afghanischer Architekt zusammen mit Volker Bausch, dem Koordinator der Amani-Oberrealschule und des Aischa e Durani Mädchengymnasiums; der Baugrund wurde vom Dorf zur Verfügung gestellt, aus dem auch die Arbeiter kommen, die die Schule erbauen.

Mit der Spende wurden mehr als 100.000  Backsteine, 3 Tonnen Zement und Zink für den Dachbelag gekauft.

Nach ihrer Fertigstellung wird die Rabia-Balkhi-Schule (benannt nach der in Balkh begrabenen, berühmten afghanischen Dichterin des Mittelalters ) von etwa 600-800 Jungen und Mädchen besucht, die zurzeit noch unter freiem Himmel unterrichtet werden.

Im Namen der Balkher ein herzliches Dankeschön nach Hamburg!

Kabul, 29.03.2004 von Volker Bausch

 

Über die Dichterin Rabia Balkhi

Rabia Balchi – die erste Dichterin des Dari um 10. Jahrhundert n. Chr.

 

„Rabia“ d.h. „Frühling“ rief sie ihr Vater Kahb, der ein Fürst während der Samanidendynastie in Balch war. Kahb war als „Gouverneur“ für die Provinzen Sistan, Gandahara, Bost und Baktrien zuständig. Die Samaniden waren ab 873 m. Chr. bis zu den Ghaznawiden die alleinigen Herrscher. Sie förderten die Dichtung der Literatur in Dari.

Die erste Frau der Dari-Dichtung ist überall in Usbekistan, Tadschikistan, Turkmenistan, Aserbeidschan Afghanistan, Iran und auf dem indischen Subkontinent („die sieben Sprachprägungen des Dari“) als „Rabia Balchi“ bekannt. Wann sie genau zur Welt kam, ist unbekannt. Über ihren Geburts- und Todestag gibt es nur Spekulationen. Manche Historiker behaupten, dass sie als Zeitgenossin des Vaters der Dari-Dichtung, Rudaki Balchi e Samarkandi (Rudaki aus Samarkand von Baktrien), gestorben 941 n. Chr. und dem Mediziner und Metriker Abu Ali Sina (Avicenna), (geboren im Jahre 980 in der Provinz Balch) am Hofe ihres Vaters bei Dichterlesungen teilgenommen haben soll. 

Diese Hypothesen sind literaturhistorisch und -kritisch jedoch nicht verifiziert worden. Allein die Zeitspanne zwischen dem Tod von Rudaki und der Geburt von Avicenna beträgt 39 Jahre. Allerdings haben diese international gerühmten Großen in der Zeit der Samaniden gelebt und gewirkt. Die Samaniden förderten die Sprache und Literatur des Dari, die zu ihrer Renaissance und zur Blütezeit der Dichtung einen großen Beitrag leisteten. 

Mündlichen Überlieferungen zufolge liebte „Kahb“ seine Tochter und ihre Dichtkunst, die sie im Beisein der Hofdichter vortragen konnte. Nach ihrem Tode waren ihre Gedichte in der Sekundärliteratur zu finden. 

Fariduddin Attar, ein in Naishapor geborener Dichter des Dari (gest.1229) hat in seinem Werk „Ellahi-Nama“ (Göttliches Buch) und Mawalana Jallaluddin Mohammad Balchi Rume (1207-1272) in seiner Abhandlung„Nafahat Al Uns“ (Windstoß des Humanismus bzw. der Solidarität) Rabia Balchi`s dichterisches Handwerk gepriesen und beide bezeichneten sie als „Harafa e Haqiqat“, die Frau der Bildung zur Wahrhaftigkeit. Der Gelehrte aus Naishapor verfasste zu Ehren der Dichterin 500 „Bait“ (Versen), in denen er ihre Liebesgedichte und mystische Dichtung würdigte. 

Die Dichterin Rabia Balchi ist eine der tragischen Figuren in der Geschichte des Landes. Sie lieferte durch ihr unerfülltes Liebesdrama eine der tragischen Grundlagen für die Inszenierung von weiteren Liebesgeschichten, die die Dari-Dichter in Versen verfassten. 

Über ihren Freitod gibt es verschiedene Versionen. Eine davon lautete, dass Rabia Balchi sich in den Sklaven ihres Bruders „Baktasch“ verliebt haben soll. Mit ihm wechselte sie Verse. Nach dem Tode ihres Vaters wurde ihr Bruder der Herrscher der Samaniden. Eines Tages ließ er die persönlichen Sachen des Sklaven „Baktasch“ holen. Darunter fand er die Liebesgedichte seiner Schwester. Daraufhin erteilte er den Befehl zur Verbannung des Sklaven. Wenig später wurde er tot aufgefunden. Als Rabia dies hörte, schnitt sie sich im Bad die Pulsadern auf und schrieb mit ihrem Blut ihr letztes Gedicht: 

 

 

Seine Liebe

Seine (ihre ) Liebe hält mich abermals gefangen  

Auch mit großer Mühe erfüllte sich nicht (ihr Nutzen)

Liebe ist ein unendliches Meer und verborgen.

Wer kann es überqueren, frage ich die Weisen.

Wenn Du willst, dass Deine Liebe sich erfüllt,

akzeptiere auch das Unannehmbare

Das Hässliche erscheint dem Liebenden schön.

Gift wird ihm wie Nektar so süß schmecken   

ﻋﺸﻕ ﺍﻭ

ﻋﺸﻕ ﺍﻭ ﺒﺍﺯ ﺍﻨﺩﺭﺁﻭﺭﺩﻡ ﺒﺒﻨﺩ  

  ﻭﺸﺵ ﺒﺴﻴﺎﺭ ﻨﺎﻤﺩ ﺴﻭﺩﻤﻨﺩ

ﻋﺸﻕ ﺩﺭﻴﺎﻴﻰ ﺭﺍﻨﻪ ﻨﺎﺩﻴﺩ  

  ﻰ ﺘﻭﺍﻥ ﺭﺩﻥ ﺸﻨﺎﺍﻯ ﻫﻭﺸﻤﻨﺩ

 

Sie verfasste Liebesgedichte in Dari und Arabisch. Ihre Gedichte sind von Mund zu Mund, von Generation zu Generation weitergegeben worden. 

Manche Interpreten meinen, dass die Liebesgeschichte von Rabia andere Dari-Dichter angeregt habe, die historische Liebesgeschichte von „Khossrau und Schirin“ bzw. Schirin und Farhad wiederzubeleben. So hat der Azeri-Dichter Nezami Ganjawi (Nizami aus der aserbeidschanischen Stadt Gendsche) die Liebesgeschichte von Rabia Balchi aufgegriffen und den auf Ferdaussi zurückgehenden Stoff in Versform unter „Schirin und Farhad“ vertext. Die arabische Version nannte er „Leila und Maschnun“.