Bestandsaufnahme
:
Vom
17. -30.03.2005 reiste ich erneut nach Afghanistan, genauer nach
Herat im Nordwesten des Landes, um 1. unsere Projekte zu überwachen
und 2. mich über die jetzige Situation der Region vor Ort zu
erkundigen. Wie immer, war auch dieses Mal die Hin- und Rückreise
über
Iran, die insgesamt 4–5 Tage in Anspruch nimmt,
anstrengend. Die Straße von der Grenze bis zu meiner Zielstadt
Herat ist jetzt asphaltiert und führt durch das idyllische
Flachland der Westregion Herat. In der Ferne blickt man stellenweise
auf die
flachen Berge der Region. Ca. 5 km vor der Stadt Herat
sah man eine Wolke von Staub vermischt mit Autoabgasen, die
sich dicht über die Stadt verbreitete.
Herat
gilt als eine relativ saubere und als die aufgebauteste Stadt
Afghanistans. Der vergleichende Blick eines Reisenden aus den europäischen
Ländern lässt jedoch diese innerafghanische Einschätzung nicht
teilen. Trotz der relativen Fortschritte im Gebäude- und Straßenbausektor
sind die Wunden des 23jährigen Krieges nach wie vor deutlich
sichtbar. Armut, Hunger, Krankheit und sonstige Zeichen einer völligen
gesellschaftlichen Unterentwicklung sind den Menschen ins Gesicht
geschrieben. Auch die dort als Reichtumsanzeige geltenden staubigen
Autos in einem chaotischen Straßenverkehr gelten für den hiesigen
Blick als ein Zeichen der Unterentwicklung.
Während
meiner Reise habe ich in Herat
wie immer Krankenhäuser, Schulen, die Universität Herat,
Waisenhäuser und
einige umliegende Dörfer besucht und erneut festgestellt,
dass das Land von einem einigermaßen geordneten und versorgten
Lebensstandart weit entfernt ist.
Das
Verwaltungssystem ist fast funktionsunfähig und zunehmend korrupt.
Das
Gesundheitswesen ist völlig insuffizient. Das einzige „große
Krankenhaus“ im Stadtzentrum z. B., das für das beste Krankenhaus
in der gesamten Nordwest Region gehalten wird, ist nicht annähernd
mit einem halbfunktionierenden Krankenhaus zu vergleichen. Die von
unserem Verein Afghanistan Hilfe e. V. im Oktober 2003 dorthin
gebrachten Ausrüstungen, wie zwei Notarztwagen, zwei Röntgengeräte,
Koloskope, Gastroskope, ein Sonografie- und ein einfaches EKG-Gerät
sind nach wie vor die besten Ausrüstungen des „großen
Krankenhauses“ und konnten sogar wegen fehlender ausgebildeter Ärzte
z. B. in der Endoskopie nicht in Betrieb genommen werden. Am letzten
Tag meines Aufenthaltes war ich eingeladen auf einer Feier des
internationalen Tuberkulosetages, wo unter anderem alarmierend
berichtet wurde, dass die Zahl der Tuberkulosefälle im Vergleich zu
vor 2 Jahren wegen Dürrekatastrophen und Hungersnöten in den
Regionen außerhalb der Provinz Herat um ca. 36 bis 46 % zugenommen
hätten.
Das
Schulsystem leidet unter dem Mangel an Lehrern, Schulmaterial
und Schulgebäuden. Trotz erheblicher Interesse und
Bereitschaft der Jungen und Mädchen am Schulbesuch, kann die
Regierung
diesem Wunsch der Bevölkerung nicht nachkommen. In der Stadt
Herat sind inzwischen 11 große Mädchenschulen, die allesamt überfüllt
sind und den
„Unterricht“ zum Teil unter sehr einfachen Zelten
erteilen müssen.
Die
Universitäten kennen das heutige know how und Unterrichtsmaterial
absolut nicht. Die jungen, lerndurstigen und neugierigen
Studentinnen und Studenten sind von ihren Dozenten und von ihrem
nicht vorhandenen Lern- und Lehrmaterial enttäuscht.
Bedenkt
man, dass Gesundheit und Bildung die zwei Hauptpfeiler der
Entwicklung einer Gesellschaft bilden, so sind diese beiden
Bereiche, angesichts der oben beschriebenen Situation in
Afghanistan, dringend förderungsbedürftig.
Der
Hauptwirtschaftszweig Afghanistans, nämlich die Landwirtschaft, ist
völlig stagniert. Es gibt keine Bewässerungsanlagen, kein vernünftiges
Saatgut, keine landwirtschaftlichen Maschinen geschweige denn Förderung
der Bauern und der Landwirtschaft durch die Regierung. Der Bauer ist
somit allein gelassen und völlig auf sich gestellt. Um den eigenen
Lebensunterhalt bestreiten zu können, muss der afghanische Bauer
gegen einen Hungerlohn auf den Mohnfeldern der Mafiosi arbeiten.
Dieses Phänomen ist zwar in Herat nicht so sehr ausgeprägt, in
anderen Regionen Afghanistans hat der - laut UNO Berichten um ca..
60 % angestiegenen- Anbau von Opium ein katastrophales Ausmaß
angenommen, mit entsprechenden wirtschaftlichen und sozialen Folgen
für die ganze Gesellschaft. Wegen Arbeit- und Perspektivlosigkeit
auf dem Dorf flüchten die Landarbeiter in den Städten, wo der
Lebensraum auch wegen Wohnungsnot, wie z. B. in Kabul, von
Erstickung bedroht ist. Die sozialen Konflikte sind somit perfekt
vorprogrammiert.
Als
einzige annähernd funktionierende Wirtschaftszweige in Afghanistan
kann man die durch mittelständischen Unternehmer betriebenen
Bau- und Handelsbranchen
bezeichnen.
Politische
Hintergründe :
Afghanistan
gilt traditionell als ein Agrarland, das nach dem 2. Weltkrieg wegen
seiner strategisch wichtigen geografischen
Lage ein Machtvakuum zwischen
den damaligen Militärblöcken Sowjetunion und USA bildete. Trotz
seiner traditionellen Neutralität und Blockfreiheit, geriet das
Land „im Herzen Asiens“ in den Ostwest-Konflikt
und wurde 23 Jahre lang Zeuge eines vernichtenden und zerstörerischen
Krieges, nicht zuletzt im internationalen
Interesse. Der, dem afghanischen Volk aufgezwungene Krieg, der die Wünsche
vielerlei internationaler Kreise in Erfüllung gehen ließ, brachte
dem Volke jedoch Ermordung, Vertreibung, Zerstörung und ähnliches
mehr. Afghanistan wurde durch den Krieg in eine einzige Ruine
umgewandelt und in den sozialen Abgrund getrieben.
Die
so tief geschlagenen Wunden des Landes sind sicherlich nicht und vor
allem nicht mit den sehr beschämenden Almosen der internationalen
Staatengemeinschaft zu beheben.
Kennt
man Afghanistan und reist man jetzt erneut dorthin, so erkennt man
sofort, wie viel Opfermut dieses Land für einen, auch
internationalen, Sieg erbracht hat.
Afghanistan
hat eine sonderbare Eigengeschichte hinter sich. Das Land „am
Hindukusch“ hat in seiner neuzeitlichen Geschichte der letzten 200
Jahre abermals bewiesen, dass es sich fremden Mächten nicht
unterwerfen möchte. Auf der anderen Seite sind die Afghanen ein
friedfertiges Volk, das alle internationalen Konventionen
hinsichtlich friedlicher Koexistenz und Anerkennung der
territorialen Integrität anderer Länder immer korrekt und
praktisch umsetzte.
Während
einer Reise nach Afghanistan kommen einem oft bewegende Momente vor,
die sich gegen die jetzige Realität des Landes als eine politische
Enklave und wirtschaftlicher Almosenempfänger sträuben. Eine Welt,
die jährlich ca. 1.000 Milliarden Dollar für Rüstung ausgibt und
die auch im Falle Afghanistans zu seiner Zerstörung es großzügig
getan hat, muss sich gründlich überlegen, ob es nun nach der Ära
des kalten Krieges zeitgemäß sei, dieses Land auch jetzt fortwährend
für eigene politische Zwecke zu instrumentalisieren statt ihm ein
solides Wideraufbauprogramm zu entwerfen und dies zu realisieren.
Obwohl
mir der Unterschied zwischen der Denkweise eines einfachen Menschen
und den Gesetzmäßigkeiten der Politik, insbesondere der
internationalen Politik, tagtäglich klarer wird, konnte ich während
meiner Reisen nach Afghanistan
die vorgefundene Realität nie verstehen. Vielleicht sind
meine Emotionen auch nicht eine Sache des Verstandes, sondern eine
Sache des Herzens. Wichtig ist aber dabei, dass sie sich nicht gegen
etwas bestimmtes, sondern einfach gegen die nicht begreifliche
politische Weltordnung richten.
Praktische
Aufgaben:
Afghanistan
Hilfe e. V. Wenden, wofür
ich 14 Tage in Afghanistan unterwegs war, unterhält zur Zeit ein
Gesundheitszentrum im Osten der Stadt Herat, dass bei den Menschen
in der Region gut angekommen ist und von der Gesundheitsbehörde
anerkannt wird. In unserem Gesundheitszentrum, das zur Zeit noch in
den provisorischen und sehr engen Räumen betrieben wird, werden täglich
ca. 170 – 200 Menschen mit notwendigen Medikamenten und Impfungen
versorgt und/oder gynäkologisch-geburtshilflich betreut. Außerdem
wir intensive Aufklärungsarbeit geleistet über Hygiene,
Krankheiten und Krankheitsfolgen. Mit einem Team von 14
medizinischen und nichtmedizinischen Kräften arbeitet das
Gesundheitszentrum nach den Richtlinien der
Weltgesundheitsorganisation (WHO). Das Gesundheitszentrum ist die
Anlaufstelle für ca. 30.000 Menschen. Jeden Morgen strömen die
kranken Menschen in das
provisorischen Haus mit engen Räumen. Eine medizinische Fachkraft
sortiert dann die Patienten nach Dringlichkeit der Erkrankung. Die
Not- und Akutfälle werden vorrangig auf die Behandlungsliste
gesetzt, von den übrigen werden so viele Patienten angenommen, wie
das Personal an dem Tag behandeln kann. „Der Rest muss leider auf
den nächsten Tag vertröstet werden“, so Herr Hashim Krimzade,
der Obmann des Gesundheitszentrums. Auch das Medikamentenkontingent
setzt Grenzen, bei der Behandlung der Patienten, denn es können nur
so viele Medikamenten verschrieben
werden, wie es unser Budget erlaubt.
Neben
der Finanzierung der laufenden Kosten des Gesundheitszentrums haben
wir es geschafft, ein Gebäude nach regionalen Vorschriften mit ca.
500 qm Nutzfläche zu bauen, dass bereits überdacht ist und alsbald
zur Hälfte fertig gestellt und in Funktion genommen wird.
Der
bevorstehende Umzug in das neue Gebäude freut das Personal
im gleichen Maße wie die Patienten und die Dorfbevölkerung.
„Wir sind stolz auf das neue Gebäude, das einzige in seiner Art
in unserem Dorf“, sagte der alte Dorfvorsteher.
In
einer Versammlung im Anschluss des Freitagsgebetes, wo ca. 400 bis
450 Menschen zusammen kamen, brachten die Menschen ihre Dankbarkeit
mir gegenüber zum Ausdruck. Es wurde die Hoffnung geäußert, dass
Afghanistan Hilfe Wenden e. V.
es schafft, das gesamte Gebäude fertig zu stellen. Für den
weiteren Ausbau des Gebäudes fehlen uns aber zur Zeit die
finanziellen Mittel, weshalb wir uns über jede Spende freuen.
In
der gleichen Sitzung habe ich mit der Dorfbevölkerung außerdem über
ihren Wunsch zum Bau einer Schule gesprochen. Die ca. 1.000 bis
1.200 schulpflichtigen Jungen und Mädchen in Kahdestan und Umgebung
werden zur Zeit in provisorischen Privaträumen unterrichtet. Der
Direktor dieser zerstreuten Schule überbrachte mir den Antrag der
Dorfbewohner in dem die Notwendigkeit und Bedeutung eines Schulgebäudes
in Kahdestan aufgezählt und um Hilfe aus Deutschland gebeten wird.
Nach einer langen Unterredung mit dem Vorstand der Dorfversammlung
wurde mir versichert, dass die Dorfbewohner für die geplante Schule
ein großes Grundstück zur Verfügung stellen. Außerdem werden die
Bewohner einen Teil der Kosten selbst beisteuern. Bei den
derzeitigen Arbeits- und Materialkosten wird die Errichtung des
geplanten Gebäudes in Komplettform etwa 100.000 $ (ca. 80.000 €)
und als Teilfertigung ca. 70.000 $ (ungefähr 55.000 €) kosten.
Nach einer genaueren Rechnung werden wir mit einem Kostenpunkt von
ca. 50.000 – 60.000 € unter Inanspruchnahme der örtlichen
Leistungen, sprich Grundstück und Teilkosten, einen großen Beitrag
leisten zur Entwicklung der Region und würden damit ca. 30.000
Menschen den Zugang zur Bildung eröffnen. Zur Verwirklichung dieses
Zieles möchte ich alle Schulen hiermit und auch in einem persönlichen
Brief um Spenden sowie Schulpartnerschaften bitten. Afghanistan
Hilfe e. V. verfügt zur Zeit über entsprechende Einrichtungen in
der Region, um diese und auch weitere Schulen gemäß unserer
Satzung zu unterstützen und Ihre Spenden effektiv und sinnvoll
einzusetzen.
Wie
oben angegeben, habe ich während meiner Reise auch die
Gesundheitsinstitutionen insbesondere das große Krankenhaus in der
Stadt Herat besucht. In einer ausführlichen Unterredung mit der
Leiterin der Gesundheitsbehörde Herat, Frau Dr. Niyasie und ihrer
Stellvertreter, kamen alle Mängel und auch der furchtbare Zustand
des Krankenhauses zur Sprache. Frau Niyasie bat mich dringend um
Hilfe und übergab mir gleichzeitig eine Liste von den fehlenden und
dringend notwendigen medizinischen Geräten und Instrumenten. Ich
habe sie darauf hingewiesen, dass wir ein Hilfsverein sind und im
Rahmen unserer Möglichkeiten dort eingreifen wollen, wo am
effektivsten gearbeitet wird. Uns sei daher sehr wichtig, dass
unsere Partner vor Ort sich an unseren Bemühungen beteiligen. Frau
Niyasie versprach mir, sich effektiv, auch in finanzieller Form für
die Verwirklichung der gemeinsamen Planung einzusetzen. Ich möchte
mich daher an alle Krankenhäuser, Arztpraxen und Firmen zur
Herstellung von medizinischen Geräten wenden, mit der Bitte, uns
funktionsfähige Geräte z. B. Sterilisationsgeräte, chirurgische
Instrumente, EKG- und Sonografiegeräte, Endoskope usw. nach
Absprache zur Verfügung zu stellen.
Als Nächstes besuchte ich in Herat
die Universität der Stadt, insbesondere die medizinischen und pädagogischen
Fakultäten. In den Gesprächen mit dem Direktor der Universität
Herat, Herrn Mochles, sowie mit den Dekanen der medizinischen und pädagogischen
Fakultäten, Herrn Dr. Aaram und Herrn Saghari, wurde eine ganze
Reihe von Mängeln in fast allen Departementen der Universität
beklagt. „Es fehlt an allem, sowohl an ausgebildeten Lehrkräften
als auch an Räumen, Lehrmaterial, Laborgeräten und –bedarf“,
so Herr Mochles, der Direktor der Universität Herat. Konkret hat
man mich um dringende Hilfe gebeten, in den Bereichen Pathologie und
Labor. Hier braucht man dringend sowohl theoretische und praktische
Ausbildung für die Dozenten als auch Lehrmaterial und
Labormaterial. In der ganzen Nordwest Region mit ca. 5 bis 6
Millionen Menschen, wofür Herat als Zentrum der Wissenschaft gilt,
gibt es kein pathologisches Institut, dass z. B. bei Operationen
gutartige und bösartige Tumore von einander unterscheiden könnte.
Im Bereich Lehrkräfte wäre es denkbar, dass Fachkräfte sich
bereit erklärten, vor Ort in Herat für z. B. die Dauer von einem
Monat zu lehren oder Institute bereit wären, ausgewählte Leute aus
Herat hier auszubilden.
Afghanistan
Hilfe e. V. ist auf Grund seiner zuverlässigen und konsequenten
Arbeit in Herat und Umgebung bekannt. Meine Gespräche vor Ort
wurden sehr ernst genommen und uns daher Aufgaben übertragen, denen
wir mit Unterstützung der Bevölkerung gerecht werden wollen.
Ich
wünsche mir von der Presse, dass sie unser fundiertes Wissen über
die Nordwestregion Afghanistans und unsere praktische Erfahrung in
der Realisierung von Hilfsprojekten der Bevölkerung mitteilt und
damit uns bei der Verwirklichung unserer Ziele unterstützt. Denkbar
wären hier neben regelmäßiger Berichterstattungen und
Zeitungsartikeln auch gemeinsame, von den Medien geförderte,
Veranstaltungen und Diskussionsrunden.
Außerdem
wäre ich sehr dankbar, wenn die Zeitungen einen standardisierten
Spendenaufruf regelmäßig veröffentlichen würden.
„Es gibt nichts Gutes, außer
man tut es“
( Erich
Kästner)
Weitere
Informationen und Bilder über die Arbeit der Afghanistan Hilfe e.
V. können unserer Internetseite unter www.afghan-aid.de/wenden.htm
entnommen werden.
Masaod
Roohani
Vorsitzender
der Afghanistan Hilfe e. V. Wenden
Facharzt
für Innere Medizin
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