Nauroz in den alten Zeiten
Seit Tausenden von Jahren feiern die Bewohner
von „Ariana“ (Gebiete der heutigen Länder Iran, Afghanistan und
Tadschikistan) den Beginn des Frühlings. Sie begehen das Fest mit
diversen Vorfesten, Zeremonien, Riten, Tanz, Gesang und Musik, durch
die sie ihren Toten gedenken, ihren Ahnen Respekt zollen, ihren
Glaube zur Wiedergeburt bekräftigen, und schließlich ihre Freude,
Hoffnung und Glück für das neue Jahr zum Ausdruck bringen.
Nauroz im Laufe der Geschichte
Die Einwohner des iranischen Kulturkreises (21
Völker in heutigen Staaten wie Iran und Zentralasien u.a. Kurden, Perser, Tadschiken und
Paschtunen) haben das Fest in verschiedenen Perioden der langen
Kulturgeschichte mit gutem Omen begangen, zumal das Fest von
diversen Kulturen, Weltanschauungen und Religionen geprägt und
beeinflusst worden ist. Manche Geschichtsschreiber vertreten die
Auffassung, dass dieser Tag auf die Krönung von Sonnenkönig „Jamsched“
in vorgeschichtlicher Zeit zurückgehe.
Die in Kabul herausgegebene Zeitschrift „Ariana“
zitiert den großen Dichter des Kulturkreises, Ferdaussi mit
folgenden Worten: „Jamsched vollbrachte einige Erneuerungen und
wurde an dem Tag des Hormoz (Name einer zoroastrischen Gottheit), Frühlingsanfang,
gekrönt.“ Diesen Tag nannten sie „Nauroz“ („Neuer
Tag“).“
Der Wissenschaftler Abu Raihan Biruni bestätigte
in seinen Werken vor ca. 1000 Jahren , dass Nauroz-Fest zu den fünf großen
Festen des iranischen Kulturkreises und des Parsismus (Anhänger des
Zoroasters in Persien) gehörte.
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Die Anhänger von Zarathustra sind der
Auffassung, dass dem Prophet Zoroaster an diesem Tag gelang, mit
Gott zu sprechen. Seit dem ist dieser Tag ein Festtag.
Einige Moslems behaupten, dass an einem Nauroz
(„Neuer Tag“) Gott den Menschen erschaffen und
an einem Nauroz der Prophet Mohammad seine Inspiration
erfahren hat. An einem Nauroz kam der Schwiegersohn des Propheten
zur Welt und an einem Nauroz wurde der Vetter des Propheten zum
Kalifen ernannt.
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Ahnen geehrt, Toten gedacht , Jugendliche beschenkt
Volksweisheiten besagen, dass die letzten fünf
Tagen vor der Wiedergeburt der Natur am Nauroz den Toten gewidmet
sind.
Nauroz wird in Afghanistan in verschiedenen
Provinzen und Städten, unabhängig von der religiösen Zugehörigkeit,
entsprechend der Tradition und Riten der jeweiligen Regionen
gefeiert. In Mazar e Scharif wird das Nauroz-Fest am Heiligtum des
Vetters und Schwiegersohns des Propheten Mohammad sehr groß
gefeiert. Die Bevölkerung hat vierzig Tage die Möglichkeit, das
Naurozfest unter dem Titel „Mela e Gul e Sorch“ („das Rote
Blumen-Picknick “) zu feiern.
An diesem Tag kommen Tausenden von Pilgern aus
dem In- und Ausland, insbesondere aus Zentralasien und
Nachbarstaaten wie Iran und Tadschikistan, um dieses traditionelles
Volksfest gemeinsam zu begehen.
In der Hauptstadt Kabul und in der
gleichnamigen Provinz des Landes feiern die Einwohner an
verschiedenen Berghängen (zugleich Friedhöfen und Grabmalen) wie
Khaja Safa, Schah Schayed, Aschokan und Harefan, Schohada e Salehin,
Karez e Mir, Istalef, Gul Ghondi in Taschar e Kar in der
Provinz Parwan sowie in Tachte Safar, Pole Mollahan, Mir Daoud und
Gazarga in der Provinz Herat und in der Provinz Nimroz
(„Mittag“) das Freudenfest. In Baba e Wali bei Arghandab und „Kherrqa
e Mobarak“ (Heiligtum, in dem der Mantel des Propheten aufbewahrt
wird) in Kandahar, um
das Grabmal des großen Dichters Sana i Ghanznawi (1080-1131 n. Chr.
) in Ghazni, auf den
großen Platz vor den Buddha-Statuen in Bamiyan sowie in Nangarhar
und anderen Provinzen des Landes feiern die Völker nach ihren
regionalen Traditionen. Die Bewohner von Jalalabad
(Provinzhauptstadt von Nangahar) nehmen diesen Tag als Anlaß und
reinigen sie die ganze Stadt vor dem Fest.
Afghanen mit hinduistischen Glaubensrichtungen
feiern das Fest mit (Stock)tanz, Gesang und Musik.
Ausflüge ins Grüne
In Herat z.B. zünden die Einwohner am Vorabend
des letzten Mittwochs des Jahres Feuer an. Sie feiern das Fest am
ersten Widder und gehen am 13. Tag des Jahres ins Grüne, um die
Nachfeier unter dem Titel „Gras an die Tür bringen“ oder
„Gras treten“ zu feiern.
Neujahrsdekoration, -speisen und -getränke möglichst
aus Lebensmitteln und Gegenständen mit der Anfangsbuschstabe der
iranischen Sprachen „S“ (Sabs =Grün; Sabsi =Spinat) sowie Tanz und Gesang gehören
zu festen Bestandteilen der Ritualen des Traditionsfestes.
Nauroz-Spezialitäten und Getränke
Das aus Haft Mewa ( „Sieben Früchten“)
z.B. Backobst, Rosinen, Pistazien und Nüssen zubereite Getränk
sowie Rosenwasser werden den Gästen angeboten. Mit
Sieben Sachen (Haft Sin) bestehenden Früchten und Gegenständen
werden die Dekorationstafeln festlich geschmückt. „Samanak“
werden ca. 15 Tage vor dem Fest aus sieben Getreidesorten zum
Keimen angesetzt. Die Keimlinge dienen nicht nur der Dekoration der
Nauroz-Tafel. Die Keimlinge werden
sieben Mal in den Mörsern zerstampft und vierzig Mal die
ganze Nacht hindurch am offenen Feuer von ledigen Frauen gekocht.
Dabei spielen die jungen Frauen Tamburine und singen Naurozlieder,
vor allem das Samanak-Lied:
Ein Lied besagt:
Samanak
köchelt und wir rühren es
Die
Anderen schlafen und wir spielen auf die Tamburine
Samanak
ist eine Speise, um den Frühling zu ehren
Samanak
ist das Fest der Schlaflosen
Samanak
wird süß ohne Zucker
Samanak
wird gelb ohne Safaran
''Am
Schluß des langen Liedes''
Samanak
köchelt und wir rühren es
Die
schlafenden Mädchen küssen wir
Frühstück: Süßspeise „Samanak“ und
Halwa (Gries- und Mehlspeisen) werden von den jungen Frauen zusammen
mit grünem Tee serviert.
Mittagessen : vorwiegend Sabsi Tschalau (Spinat
und Reis)
Abendbrot:
Mahi und Jalabi (gebratene Fische und in Zuckersaft gelegte
Brezen)
Fahnen hissen
Ein besonders religiöses Ritual der Bevölkerung
in Afghanistan ist das Hissen von grünen Fahnen in Kabul und Maza e
Scharif, das als „Jena von Sachi“ (Banner des Schwiegersohns von
Mohammad) genannt wird. Die langen maibaumähnlichen Masten werden
mit gebührendem Respekt aufgestellt.
Bauerntag
Afghanistan ehrt im Nauroz die
Bauern des Landes. In Volksfesten paradieren sie mit ihren
landwirtschaftlichen traditionell geschmückten Geräten.
Nehal-Schani (Setzlinge einpflanzen)
Zu der Tradition des Festes zählt das Pflanzen
von Bäumen. Jeder sollte an diesem Tag möglichst einen Setzling
einpflanzen
Seit etwa 1200 Jahren bis heute haben
zahlreiche Dichterinnen und Dichter und Ikonen der Bevölkerung
diesen Tag in ihren Werken und Poesien verewigt.
Spiele, Sport und Gedichtswettbewerbe und Dichterlesungen
Nationalsport (Buzkaschi) und Nationaltanz (Attan
e Meli) werden zur Ehre des Frühlingsbeginns veranstaltet. An den
Festplätzen werden Kinderspielzeuge feilgeboten. Spielgeräte und
Karussells aufgestellt. Sadhus (Wandermönche), Moritatensänger und
Schausteller tragen die Balladen von Heldentaten der religiösen
Vorfahren sowie aus dem Buch „Schahnama“ von Ferdaussi vor. Glückspiele
mit und ohne Geld sind an diesem Tag ausnahmsweise erlaubt.
Spiele mit bunten Eiern sind nicht nur bei
Kindern, sondern auch bei Erwachsenen sehr beliebt, die es dann auch
auf der Straße oder öffentlichen Plätzen spielen. Grundsätzlich
wird Tochom Bazi nur an solchen Festtagen gespielt, an denen die
Kinder kleinere Geldbeträge zum Kauf oder gefärbte Eier bekommen.
Beliebt sind bei den literarischen Wettkämpfen
die Verse der persisch- und paschtosprechenden Dichtern und
Dichterinnen wie Hafis, Ferdaussi, Saadi, Jami, Mawlana Jalaluddin
Rumi, Khayiam, Naser e Khossrau, Rabia e Balchi, , Rahman Baba,
Khoschal Khan, Behdel uws., die oft rezitiert werden. Der
erste Spieler fängt an, ein beliebiges Gedicht vorzutragen. Oft ist
dies ein bekannter Einzeiler, der als Eröffnung des Wettkampfes
fungiert. Die anderen Spieler versuchen Verse zu finden, deren
Anfangsbuchstabe oder -wort mit dem Endbuchstaben oder -wort des
vorausgegangenen Verses identisch ist.
Drachensteigen lassen
An diesem Tag lassen selbst Erwachsenen ihre
selbstgebastelten Drachen auf öffentlichen Plätzen in die Lüfte
flattern.
Khana Gashtak
(gegenseitige Besuche)
Familie und Verwandten besuchen sich
gegenseitig. Dieser Tag wird zum Anlass genommen, Zwietracht und
Feindschaften zu kompensieren.
Naurozi (Geschenke)
Besonders die Brautpaare erhalten
von ihren Schwiegereltern Geschenke in Form von Kleidung, Schmuck
und Süßigkeiten, die in sieben Tabletts, überreicht werden. Mahi
und Jelabi fehlen
selbstverständlich nicht. Der Überbringer, meist Kinder aus
Familien, erhalten Geldmünzen und Noqol (Bonbons).
Nauroz-Gegner
Bis auf die Taliban (1996-2001) sonst erklärten
alle Regierungen des Landes das Nauroz-fest am 21. März in
Schaltjahren am 20. März als gesetzlichen Feiertag. An den
offiziellen Veranstaltungen nahmen die Regierungschefs teil. Das
Regime der Taliban führte den lunaren Kalender als offiziellen
Staatskalender ein und erklärten den auf das Sonnenjahr beruhenden
Kalender für ungültig.
Wie auch immer, welcher Staat in Afghanistan an
die Macht kommt, der neue Tag (Nauroz) ist in Tradition und Dichtung
der Bevölkerungsschichten im Lande derart verankert, dass keine
staatliche Gewalt diesen Tag aus der Geschichte, Gegenwart und
Zukunft des Landes ausradieren kann. Verbote haben den Wert des
Festes nicht gemindert; im Gegenteil sie bestätigten nur den beständigen
Charakter dieses fixen Festtages.
Originaltext von Abdul Hakim Safi,
veröffentlicht in BBC 20.03.2005
frei übersetzt von Dr. H. Sadri
Weitere Informationen finden Sie unter: http://www.afghan-aid.de
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