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Rabia Balchi – die
erste Dichterin des Dari um 10. Jahrhundert n. Chr.
„Rabia“ d.h. „Frühling“
rief sie ihr Vater Kahb, der ein Fürst während der
Samanidendynastie in Balch war. Kahb war als „Gouverneur“ für
die Provinzen Sistan, Gandahara, Bost und Baktrien zuständig.
Die Samaniden waren ab 873 m. Chr. bis zu den Ghaznawiden die
alleinigen Herrscher. Sie förderten die Dichtung der Literatur
in Dari.
Die erste Frau der Dari-Dichtung ist
überall in Usbekistan, Tadschikistan, Turkmenistan, Aserbeidschan
Afghanistan, Iran und auf dem indischen Subkontinent („die sieben
Sprachprägungen des Dari“) als „Rabia Balchi“ bekannt.
Wann sie genau zur Welt kam, ist unbekannt. Über ihren Geburts-
und Todestag gibt es nur Spekulationen. Manche Historiker behaupten,
dass sie als Zeitgenossin des Vaters der Dari-Dichtung, Rudaki
Balchi e Samarkandi (Rudaki aus Samarkand von Baktrien), gestorben
941 n. Chr. und dem Mediziner und Metriker Abu Ali Sina (Avicenna),
(geboren im Jahre 980 in der Provinz Balch) am Hofe ihres Vaters bei
Dichterlesungen teilgenommen haben soll.
Diese Hypothesen sind
literaturhistorisch und -kritisch jedoch nicht verifiziert worden.
Allein die Zeitspanne zwischen dem Tod von Rudaki und der Geburt von
Avicenna beträgt 39 Jahre. Allerdings haben diese international
gerühmten Großen in der Zeit der Samaniden gelebt und
gewirkt. Die Samaniden förderten die Sprache und Literatur des
Dari, die zu ihrer Renaissance und zur Blütezeit der Dichtung einen
großen Beitrag leisteten.
Mündlichen Überlieferungen
zufolge liebte „Kahb“ seine Tochter und ihre Dichtkunst, die sie
im Beisein der Hofdichter vortragen konnte. Nach ihrem Tode waren
ihre Gedichte in der Sekundärliteratur zu finden.
Fariduddin Attar, ein in Naishapor
geborener Dichter des Dari (gest.1229) hat in seinem Werk „Ellahi-Nama“
(Göttliches Buch) und Mawalana Jallaluddin Mohammad Balchi Rume
(1207-1272) in seiner Abhandlung„Nafahat Al Uns“ (Windstoß
des Humanismus bzw. der Solidarität) Rabia Balchi`s
dichterisches Handwerk gepriesen und beide bezeichneten sie als „Harafa
e Haqiqat“, die Frau der Bildung zur Wahrhaftigkeit. Der Gelehrte
aus Naishapor verfasste zu Ehren der Dichterin 500 „Bait“
(Versen), in denen er ihre Liebesgedichte und mystische Dichtung würdigte.
Die Dichterin Rabia Balchi ist eine
der tragischen Figuren in der Geschichte des Landes. Sie lieferte
durch ihr unerfülltes Liebesdrama eine der tragischen Grundlagen für
die Inszenierung von weiteren Liebesgeschichten, die die
Dari-Dichter in Versen verfassten.
Über ihren Freitod gibt es
verschiedene Versionen. Eine davon lautete, dass Rabia Balchi sich
in den Sklaven ihres Bruders „Baktasch“ verliebt haben soll. Mit
ihm wechselte sie Verse. Nach dem Tode ihres Vaters wurde ihr Bruder
der Herrscher der Samaniden. Eines Tages ließ er die persönlichen
Sachen des Sklaven „Baktasch“ holen. Darunter fand er die
Liebesgedichte seiner Schwester. Daraufhin erteilte er den Befehl
zur Verbannung des Sklaven. Wenig später wurde er tot
aufgefunden. Als Rabia dies hörte, schnitt sie sich im Bad die
Pulsadern auf und schrieb mit ihrem Blut ihr letztes Gedicht:
„Seine
(ihre ) Liebe hält mich abermals gefangen
Auch mit
großer Mühe erfüllte sich nicht (ihr Nutzen)
Liebe ist
ein unendliches Meer und verborgen.
Wer kann
es überqueren, frage ich die Weisen.
Wenn Du
willst, dass Deine Liebe sich erfüllt,
akzeptiere
auch das Unannehmbare
Das Hässliche
erscheint dem Liebenden schön.
Gift wird
ihm wie Nektar so süß schmecken
Sie verfasste Liebesgedichte in Dari und
Arabisch. Ihre Gedichte sind von Mund zu Mund, von Generation zu
Generation weitergegeben worden.
Manche Interpreten meinen, dass die
Liebesgeschichte von Rabia andere Dari-Dichter angeregt habe, die
historische Liebesgeschichte von „Khossrau und Schirin“ bzw.
Schirin und Farhad wiederzubeleben. So hat der Azeri-Dichter Nezami
Ganjawi (Nizami aus der aserbeidschanischen Stadt Gendsche) die
Liebesgeschichte von Rabia Balchi aufgegriffen und den auf Ferdaussi
zurückgehenden Stoff in Versform unter „Schirin und Farhad“
vertext. Die arabische Version nannte er „Leila und Maschnun“.
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Bild von Christoph Bürgel in: die
Großen, herausgegeben von Kurt Fassmann, 1978
„Khosrau bzw. Hosrou überrascht Shirin
beim Bad, Miniatur um 1470
Topkapi-Museum Istanbul
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Weitere Dichter in Afghanistan haben ebenfalls
Rabia`s unerfüllte Liebe zum Anlass genommen und ähnliche
Liebesgeschichten in gebundener Sprache verfasst. Hierzu sind u.a.
die in Paschto verfasste Liebesgeschichte von Adam Khan und
Dorkhanei, die von dem in Herat geborenen Dichter Djalali verfasste
Liebesgeschichte "Sia Mo und Djalali" sowie die Geschichte von
"Jossuf
und Sulaikha", welche auf das Alte Testament zurückgeht, zu zählen.
Charakteristisch für alle Liebesgeschichten ist, dass die Liebe über
gesellschaftliche und soziale Schranken und Altersunterschiede
hinaus (z.B. war Sulaikha 40 Jahre alt und Jossuf 14 (Vier Zehn)) möglich
sind. In der Liebe ist die Gleichwertigkeit der Menschen möglich.
Zu Ehren der ersten Dichterin auf dem Boden des
heutigen Afghanistans gibt es eine Reihe von Institutionen, Schulen,
Gymnasien und Krankenhäuser, die nach ihr benannt sind wie z.
B. „Rabia e Balchi Mädchengymnasium“, "Rabia e Balchi
Frauenklinik", die in ihrem Geburtsort Balch ( heutige Stadt Mazar e
Scharif) im Mai diesen Jahres eröffnete "Radiostation Rabia
Balchi" von Frauen für Frauen..
Junge Frauen und Männer pilgern seit über
einem Jahrtausend zum Wallfahrtsort für die wahre Liebe. Rabia
Balchi galt und gilt für afghanische Dichterinnen wie Aiasch e
Durrani sowie den Dichterinnen der Gegenwart als Vorbild.
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