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Von Dr. Mir Hafizuddin Sadri
Raihan Muhammad Al Biruni, Astronom, Naturwissenschaftler und
Historiker am Hofe von Mahmud dem Großen von Ghazna ist am 13.
Sonbola (Jungfrau) des Sonnenjahres 352 H. ( 4. September 973) in
Birun („Außerhalb“ - Vorstadt von Kath) im heutigen Usbekistan
geboren. Der Er ist in Europa unter dem Namen „Al Biruni“ bekannt.
Die Eroberungsfeldzüge des Sultans von Ghazna in Indien nutzte
er, um verschiedene Kulturen unter wissenschaftlichen Aspekten zu
untersuchen und die Altsprache Sanskrit zu erwerben. Sein Buch über
Indien gibt die Vielfältigkeit der indischen Kultur, Gesellschaft
und Sprache sowie die Vielfalt der Heilpflanzen wieder. Nicht
zuletzt seine Virtuosität mit der Ziffer „Null“ „Nichts“
und mit den indischen Zahlen, die in Europa als „arabische
Zahlen“ bezeichnet werden, sind beispiellos.
Nach G. Sarton , „Introduction to the History of Science,
Baltimore 1927, Bd. 1, S. 707 war Biruni “Reisender, Philosoph,
Mathematiker, Astronom, Geograph und Enzyklopädist, einer der größten
Wissenschaftler des Islam, und alles in allem, einer der größten
Wissenschaftler aller Zeiten. Sein kritischer Geist, Toleranz, Liebe
zur Wahrheit und geistigen Mut waren fast ohne Parallele in den
mittelalterlichen Jahrhunderten.“ Biruni wurde Ustad „Meister“ genannt. Doch von allen
Wissenschaften widmet er sich bevorzugt den Fakten der Geschichte
und Naturwissenschaften. Mit der Einführung der exakten Methoden
trug er zum Paradigmenwechsel in der Wissenschaft bei, dass nicht
Dogmen und übernatürliche Prinzipien die Grundlagen der
Wissenschaften sind, sondern lediglich die Wahrnehmung der
Wirklichkeit. Erfahrung, Beobachtung, Experiment, Beschreibung, Erklärung
und kritisches Hinterfragen sowie die Überprüfung der Aussagen
sind die Instrumente der Wissenschaften. Festgefahrene Gewohnheiten,
Fanatismus, Rivalität, Konkurrenz, Hingabe und Leidenschaft machen
die Menschen blind und gehören nicht zum wissenschaftlichen Denken.
Der Universalwissenschaftler Biruni vertritt die Auffassung, dass
dem Verstehen der Evidenzkraft und der Angemessenheit der
wissenschaftlichen Aussagen dadurch Rechnung getragen werden, wenn
diese Lehren in Originalsprachen wie die Altsprachen „Sanskrit“
bzw. Griechisch gelesen werden. Zwar hielt er das Arabische wegen
der diakritischen Zeichen (Akut, Gravis und Apostroph und deren
Verdoppelung und einer Fülle von verschiedenen Wörter für den
selben Begriff zu Missverständnissen und Mehrdeutigkeiten führen,
die in der Wissenschaft nicht erlaubt sind, entschied er sich jedoch
für das Arabische.
Ein Grund für seine Entscheidung lag offensichtlich darin, dass
der Transkriptionsprozess der alten Schriftsprache Dari bzw. Farsi
in arabische Umschrift noch nicht abgeschlossen war, obschon die
Sprache wegen Re-Iranisierungspolitik (der gesamte iranische
Kulturkreis ist gemeint und nicht nur der heutige Iran, aber auch er
ist nicht ausgeschlossen) von Mahmud dem Großen von Ghazna ihre Blütezeit
erfuhr, an dessen Hof über 400 Dichter und Denker dabei waren, die
alte arianische Tradition, Sprache und Kultur wiederzubeleben und
die Fremdwörter und Wortanlehnungen aus der Sprache Dari bzw. Parsi
zu verbannen und entsprechende Synonyme dafür in Dari zu suchen,
wie es der in Tüs nahe Meschad im Iran geborene große Dichter
Ferdaussi in seinem Königsbrief „Shanamah“ ebenfalls in Ghazna
getan hat.
Die Liedersprache Dari bzw. Farsi verfügte zu diesen Zeiten über
reichhaltigen Allegorien, Versinnbildlichungen der Wörter und Übertreibungen,
die für die Dichtung, Lyrik, Mystik und Metaphysik der Dichter und
für die Deutung der Geisteswissenschaften ausschlaggebend waren.
Doch der eigentliche Grund lag darin, dass das Arabische zum
einen die Sprache der Gelehrten seiner Zeit war, wie der in Balch
geborene Zeitgenosse und Wegbereiter der Infinitesimalrechnung
(Analysis) von Ibn e Sina, latinisiert „Avicenna“ , mit dem er
korrespondierte, und zum anderen sollten seine Abhandlungen einem größeren
Wissenschaftlerkreis zur Verfügung gestellt werden.
Biruni wollte nicht, dass seine Lehre deswegen Einklang findet,
wenn sie in der eigenen usbekischen Sprache, eine iranisch-altaisch
bzw. finno-ugrische Sprachprägung verfasst ist. In diesem
Zusammenhang schreibt er, dass er lieber „im Arabischen geschmäht,
als im Persischen gelobt“ werden will.*
Mit diesem Satz schnitt er ein Hauptpostulat der Wissenschaft an,
nämlich die kritische Überprüfung der wissenschaftlichen
Aussagen. Bei Biruni ging es um die Sache des Wissens und nicht um
die Anerkennung wegen einer bestimmten Sprache.
Nach ihm müssen die wissenschaftlichen Aussagen klar, eindeutig,
richtig und intersubjektiv überprüfbar sein.Bei den
Naturwissenschaften geht es um die Erklärung der Wirklichkeit und
die Aussagen können darüber entweder richtig oder falsch sein, während
bei der Mystik es sich um Wahrheit handelt, deren Aussagen wahr oder
unwahr sein können.
Biruni war der Ansicht, dass der einzelne Mensch sich die Summe
aller Wissenschaften nicht aneignen kann. Daher muss er sich der
Errungenschaften früherer Generationen und anderer Völker
bedienen. Die geistigen Eigentümer müssen aber genannt werden.
Abu Rahian Al Biruni erfand mit bescheidenen Mitteln eine eigene
Methode, um den Radius zu messen. Mit Hilfe des Pyknometers, den er
als erster konstruierte, bestimmte er die Dichte (spezifische
Gewicht) von Flüssigkeiten und festen Körpern. Er war der erste
Wissenschaftler, der 1023 einen fast genauen Erdglobus entwickelte,
den Durchmesser und damit den Erdumfang der Erdkugel nicht am Äquator,
sondern an einem Ausgangspunkt am Indus fast genau (ca.17,7 „Farsang“,
1 „Farsang“ = 6240 m) errechnete und die Erdrotation
feststellte. Der Kabul- Fluss wurde bis zum Ende der hinduistischen
Kabulschaian vom 6. bis 10. Jahrhundert Indus genannt und heute
ebenfalls ab der Khattak-Brücke.
Im Bereich der Geschwindigkeitsforschung stellte er fest, dass
zwischen Schallgeschwindigkeit und Lichtgeschwindigkeit ein enormer
Unterschied besteht.
Siddiqi vertritt 1966 die Ansicht, dass die Ansätze von Al
Biruni eine Vorwegnahme der Kopernikanischen Wende, der
Darwinistischen Theorie und der Einstein’schen Relativitätstheorie
sein.
Zu seinem 1030. Geburtstag strahlte Radio Berlin Deutschland
folgendes aus:
„Vor tausend Jahren war die islamische Kultur der
christlich-abendländischen weit überlegen. Der größte Gelehrte
der damaligen Zeit war der persische Universalwissenschaftler Abu
Raihan Mohammed Ibn Achmed al Biruni. Als er geboren wurde, am 4.
September 973, vor 1.030 Jahren, war in Mitteleuropa gerade Kaiser
Otto der Große gestorben. Während Kaiser Otto für eine
bescheidene und nur recht kurze kulturelle Blüte sorgte, lebte al
Biruni im sogenannten ''goldenen Zeitalter des Islam'' – als
Universalwissenschaftler, der bereits begriffen hatte, dass die Erde
keine Scheibe ist und der den ersten Globus konstruierte. (..)Über
die Milchstraße meinte er, dass sie aus nebelhaften Fragmenten von
Sternen bestehe.“
Biruni, ein strenggläubiger Moslem, ist einer der ersten
toleranten vergleichenden Religionswissenschaftler der Welt. Er
vergleicht die christliche und hinduistische Ethik und Nächstenliebe
miteinander, erkennt Gemeinsamkeiten - wie das Gebot „Du sollst
nicht töten“ - sieht aber auch die Widersprüche zwischen
Anspruch und Wirklichkeit in den Glaubensgemeinschaften.“ Biruni starb im Sonnenjahr
429 H. (1050 n. Chr) in der Stadt Ghazni, ca. 80 km von Kabul entfernt. Das
Grabmahl des usbekischen Gelehrten und Liebhaber des Amu Daria gilt
als Wallfahrtsort für Jung und Alt.
Missverständnis
Hier eine Miniatur-Abbildung aus der Pflanzenheilkunde aus dem Jahre
1229 n. Chr. in der Sprache Dari, die als „arabische
Handschrift“ bezeichnet wurde. Original im Topkapi-Museum Istanbul
Bild von Ghanem Georges Hana, herausgegeben von Kurt Fassmann
1978
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