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Von Mohammad Kazem Kazemi, Schriftsteller
BBC 15.08.05
Es sind nun zwei Jahrzehnte seit der Erstveröffentlichung
des Diwans von Abdul Qader Bedel (auch Hakim Abdul Qader-e Bedel
Dehlawi bzw. Mirza Abdul Qader Bedil, Bidel, Behdel usw.), einem großem
persisch-sprechenden Dichter des 17.
Jahrhunderts aus Delhi (1720) vergangen.
Diese Gedichtsammlung ist im Iran zu seinem
250. Todestag herausgegebenen worden. (Er lebte und wirkte in dem von
Babur gegründeten Moghulenreich, das die Sprache Farsi in Indien förderte.
Hakim Abdul Qader Bedel ist im Sonnenjahr 1024, (1054 islamisches
Mondjahr, entsprechend 1645 n. C.) in Patna geboren und im Sonnenjahr
1100, (1133 islamisches Mondjahr, entsprechend 1721 n. C.)
gestorben. (2005 entspricht dem Sonnenjahr Jahr 1383/84 und 1425/26 des islamischen Mondjahres).
Vor diesen zwei Dekaden erwähnte Iran kaum
seinen Namen. Erstaunlich ist dabei, dass - wenn man bedenkt, dass Iran
als eine der wichtigsten Hochburgen der Literatur der Sprache Farsi e
Dari (persische Hoch- Schrift-
und Hofsprache) gerade diesen bedeutenden Dichter des Dari nicht
entsprechend gebührend würdigte und er daher dort unbekannt geblieben
ist.
Währenddessen war der berühmte Ghazal-Dichter
in anderen persischsprachigen Ländern berühmt und bekannt. Sie veröffentlichten
trotz mangelnder Möglichkeiten einige seiner literarischen
Werke, führten Lesungen durch und veranstalteten über sein
Lebenswerk literarische Abenden unter dem Terminus technicus „Shabe
Aschoqan Bedel“ = Abend der Bewunderer von Bedel).
Bedel wird in Afghanistan und Tadschikistan
genauso wie Hafis und Mawlana (Rumi) gerühmt und verehrt.
Vor drei Jahrzehnten wurde Bedel an iranischen
Universitäten als „Dichter mit dem indischen Stil“ bezeichnet
und wegen seiner besonderen Allegorien, Übertreibungskunst,
komplexen Texte, Ambiguitäten und Paradoxen seiner literarischen
Aussagen beinahe als einen "Dissidenten"
betrachtet. Die Komplexität seines
philosophisch orientierten literarischen Stils wird dafür
verantwortlich gemacht, dass Bedel im Iran keine Anerkennung
fand.
Solche Aussage, die u.a. auch vom Literaturpapst
Zabiullah Saffa vertreten wird, kann sich nicht mehr erhärten. Dadurch
wird sicherlich einer Alibi-Funktion Rechnung getragen werden, aber
kein Grund dafür sein, warum Iran diesen hervorragenden
Literaten der persischen Sprache ignorierte. Denn Bedel wird in
Afghanistan und in den Ländern oberhalb des Mawaraul Nahr (Amu Daria)
in Zentralasien anerkannt, gar verehrt, obwohl der
literarische Bildungsstand im Dari (persische Standardsprache)
niedrig und die Alphabetisierungsrate in diesem Kultur- und
Sprachraum groß ist. Wie kann dieses Paradoxon erklärt werden,
dass diesem Dichter mit Neigung zu komplizierten Texten in
Afghanistan derart großer Respekt gezollt wird?
Die sich mit literarischen Texten beschäftigenden
Experten haben einige Gründe für das Vergessen des Dichters im
Iran herauskristallisiert:
- Die
indische Literaturschule ist bereits out. Die Dominanz der
„Schule der Wiederkehr“ im Iran ist ein Grund dafür, warum
Bedel dort nicht beachtet und kaum am Rande erwähnt.
- Trotz
der komplizierten abstrakten Begrifflichkeiten seiner
Bildersprache und Übertreibungen bzw. Untertreibungen ist Bedel
in Afghanistan gebührend gewürdigt worden, da Metrik, Reim und Versmaß des Dari mit
der indischen Literaturgattung in
Afghanistan erhalten blieb und weitergepflegt wurde. Sie
ist bei der Jugend sehr beliebt. Jeder Musiker aus Afghanistan
hat in seinem Liederrepertoire indische Lieder oder
Ghazal-Dichtung mit indischem Versmaß. Zudem hat Afghanistan im
Bezug auf die Literatur kaum eine Renaissance erfahren.
- Bedel's
Sprache ist von der Hofsprache des Dari in Delhi beeinflusst und weit entfernt von der dynamischen Pragmatik der Sprache, die
im Laufe der Zeit im Iran Wendungen und Wandlungen durchlebte.
Bedel gebrauchte Redewendungen und Termini, die im Iran zwar
nicht mehr oder selten verwendet werden, jedoch in Afghanistan
und anderen Länder Zentralasiens immer noch zum Sprachrepertoire
gehören.
- Bedel's Mystik ist von Opponenten der arabischen Schule Ibne Ariaba
stark kritisiert worden.
Oben genannte Gründe
können nicht isoliert von einander eine Rechtfertigung dafür sein,
dass Iran den Dichter vergessen hat. Es sind andere, eher verborgene
Gründe, die eine Rolle spielen. Nach der konstitutionellen
Monarchie wurde im Iran insbesondere der ethnisch-nationalen
Sichtweise eine große Bedeutung zugemessen.
Nach der
Zerschlagung des großen Kulturkreises des persischen Sprachraums
und die Gründung von unabhängigen Staaten, ja gar gelegentlich von
Staaten, die in Gegnerschaft zum Mutterland standen, sind
Nationalismus und Nationalstaatlichkeit als Konzept und
Instrument zur Machterhaltung mittels nationaler Einheit offeriert worden.
Diese Tendenz wurde
auch in der Literatur salonfähig, so dass die Einwohner der
Teilstaaten des Kultur- und Sprachkreises verstärkt ihre nationale
Identität auf der Grundlage ihrer eigenen literarischen Ahnen schöpfen
wollten und sie in den Vordergrund rückten, zumal diese Dichter und
Denker in der Vergangenheit dem gemeinsamen Sprachraum angehörten.
Die permanente
Teilung und konkurrierende Haltung erschwerten den Einwohnern des
ehemals gemeinsamen Kultur-, Sprach- und Religionskreises, jene
Dichter und Denker als ihre eigenen nationalstaatlich zugehörigen
Dichter zu bezeichnen, vorausgesetzt sie waren damals im Sprachraum
mit den heutigen bestehenden Grenzen geboren und gehörten dem eigenen Volksstamm
an. Heute gibt es einen vergeblichen, nicht enden wollenden
Disput und eine destruktive Diskussion der Bürger Irans und Afghanistans
über die gemeinsamen Dichter, die auf den Boden des heutigen Irans
und Afghanistans geboren, gelebt und gewirkt haben.
Somit wurde die Würdigung
von Geburtsort und Volkszugehörigkeit des Dichters abhängig
gemacht und der Bekanntheitsgrad des Dichters hing von dem
jeweiligen Land ab, in dessen heutigen Grenzen die Literaten in jenen
Zeiten lebten. So wurden z.B. Ferdoussi, Hafis und Saadi
im Iran,
Sanai und Dschami in Afghanistan und Rudaki
in Tadschikistan ein
besonderer Stellenwert zugeschrieben.
Selbstverständlich
waren die Instrumente zur Public Relation im Iran aufgrund der
besonderen Aufmerksamkeit der Regierung im Vergleich zu den anderen
Ländern straff organisiert. Diese
Sichtweise konnte die Zuwendung auf die großen gemeinsamen Dichter
lenken, die auf dem Boden des heutigen Irans geboren sind, nicht
aber auf Bedel, der nicht hier geboren ist, sich hier nicht
aufhielt und keine Reise hierhin unternommen hat.
Die nicht-iranischen
Volkszugehörigkeit von Bedel ist also der Grund dafür, warum er im
Iran ignoriert wurde. Natürlich, weil er kein „Landsmann“ ist, soll er unbekannt sein. Auch die Tatsache, dass eine Reihe von
Dichtern wie Sanai Ghaznawi, Kamal Khodjandi, Sa-if
Farghani, Amir Khossrau
Dehlawi, Ghani Kaschmiri, Wagef
Lahori (aus Lahore), Ghaleb Dehlawi (aus Delhi) und Iqbal Lahori, die nicht auf
dem heutigen Gebiet Irans geboren sind, kaum Aufmerksamkeit seitens
des Irans gewidmet ist, erhärtet unsere Sichtweise, zumal oben
genannte Dichter nicht von komplizierten literatisch-philosophischen Phänomenen
Gebrauch machten.
In Afghanistan lag
die Voraussetzung für die Würdigung von Bedel vor. Die indische
Literaturgattung bzw. die indische Schule ist allenthalben im
Hindukusch ("Berge der Hindus") und insbesondere bei der Jugend
des Landes sehr
beliebt. Ferner ist der Gedanke einer ethnisch einschränkenden bzw.
nationalen Tendenz in
Afghanistan zu schwach. Die Regierung stand nicht dahinter.
Die Aufmerksamkeit ist erst kurz nach der islamischen Revolution
im Iran auf Bedel gelenkt
worden. Seit dieser Zeit sind ca. 20.000 Verse seiner Ghazal-Dichtung
herausgegeben und mehrere seiner Werke veröffentlicht worden.
In letzter Zeit sind
Werke einiger weiter oben genannter Dichter im Iran herausgegeben
worden. Offenbar ist jetzt nicht mehr der Geburtsort eines Dichters
ausschlaggebend, sondern die Sprache, in der er seine Werke
geschrieben hat. Dies gibt Anlass zur Zuversicht. Exilafghanen im
Iran haben einen Beitrag zur Würdigung eines aus Indien
stammendenden großen Dichter der persischen Sprache geleistet.
Der große Meister
der afghanischen klassischen Musik, Ustad
Sarahang, war ein großer
Interpret der Dichtung von Bedel.
Hier
einige Gedichte des Meisters der Sprache Dari:
In
den stürmischen Zeiten ist die Ewigkeit wie ein Seifenblase
Unserer
Ruhe und Besonnenheit ist zu verdanken, dass das Kerzenlicht des
Seins noch brennt.
Bedel,
hasserfülltes Leben ist Leiden
Nur
Sterben ist dessen Heilen
frei übersetzt von:
Dr. Mir Hafizuddin Sadri
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